Walter Ludin

Wo bleibt in der Schweiz die «Öffentliche Theologie»?

Manaus/Amazonien: Vor etlichen Jahren nahm ich ein Taxi, um zum Bischof zu fahren. Als ich die Adresse nannte, fragte der Fahrer: «CNBB?». Dies ist die Abkürzung der brasilianischen Bischofskonferenz. Unvorstellbar, dass hierzulande bei einem entsprechenden Transportauftrag der Chauffeur fragen würde: «SBK?»/Schweizerische Bischofskonferenz.
Damals wie heute steht in Brasilien das Kürzel CNBB für eine Kirche, die sich ins politische Gespräch einbringt – und damit selbst bei einfachen Leuten ein Begriff ist.
Dies fiel mir ein, als ich bei der Verleihung des Herbert Haag-Preises den folgenden Passus von Sabine Demel in ihrer Laudatio auf Heinrich Bedford-Strohm hörte. Und ich fragte mich, welchen Schweizer Bischof man auf ähnliche Weise würdigen könnte.
Und wofür steht er inhaltlich dieser Mann von Welt, Professor, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD), der auch Ehemann und Vater von drei Kindern ist? Es ist die Öffentliche Theologie – ein Konzept, das er von Wolfgang Huber, seinem akademischen Lehrer und Vorgänger im Amt des Ratsvorsitzes der Evangelischen Kirche Deutschland, übernommen und das er seither kontinuierlich weiterentwickelt – sei es in der Seelsorge als Pfarrer, sei es in der Lehre und Forschung als Professor, sei es in seinen kirchlichen Ämtern als Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzender. Öffentliche Theologie – das ist für Heinrich Bedford-Strohm die Beteiligung der Christen und Christinnen in und mit ihrer Kirche an den Debatten der Zivilgesellschaft über Identitäten, Werte, Ziele, Aufgaben und Krisen dieser Gesellschaft.
Ausstrahlungskraft – so ist Heinrich Bedford-Strohm überzeugt – «gewinnt die Kirche nur dann zurück, wenn sie sich der Kraft öffnet, die aus ihren eigenen Quellen kommt, wenn sie das überwindet, was Wolfgang Huber ,Selbstsäkularisierung› genannt hat, wenn sie die öffentliche Relevanz der Botschaft selbstbewusst zum Ausdruck bringt.» Denn als unabhängige und kritische Stimme können Christen und Christinnen, können Theologie und Kirche, der Gesellschaft vorleben, was es heisst, «Verbindlichkeit zu repräsentieren, ohne in Enge zu verfallen, Pluralismus zu pflegen, ohne in Beliebigkeit zu diffundieren, im Partikularen verwurzelt zu sein, ohne sich dem universalen Horizont zu verschliessen, sich an den Be-dürfnissen der anderen zu orientieren, ohne die eigenen Bedürfnisse zu verleugnen.» Eine solche Theologie und eine Kirche, die von solcher Theologie geprägt ist, grenzt nicht ab, verurteilt nicht, schliesst nicht aus, sondern heisst einfach alle und jeden willkommen und bietet Räume an, sich auszuprobieren.
Sie plädiert für eine Kirche, die den Wünschen der Menschen «ein Zuhause gibt und ihrer Begeisterung ein Ziel» statt den Eintritt von Bekenntnis- und Glaubenskontrollen abhängig zu machen.

6. April 2016 | 01:40
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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