Walter Ludin

Wir und die Muslime (8)

Das leidige Thema «Kopftuch»Das Problem ist weniger die Frage, ob es muslimische Mädchen und Frauen gibt, die zum Tragen des Schleiers gezwungen werden – das kann nicht bezweifelt wer- den –, die Frage ist: Was unterdrückt? Wirklich das Stück Stoff selbst? Oder die patriarchalen Beziehungsgeflechte, die die Autonomie der Frau ignorieren? Stoppt das Verbot des Kopftuchs die Strukturen der Unterdrückung? Oder ergänzt diese Entscheidung nur das Gefühl der Entmündigung durch Vater oder Ehemann um das Gefühl der Entmündigung durch Gesellschaft und Staat? Das Kopftuch darf oder muss die Frau dann nicht mehr tragen, aber wird sie damit auch schon aus der Struktur der Unterdrückung befreit? Wären nicht Ausbildungs- oder Jobangebote an muslimische Frauen ein erfolgversprechenderes Instrument der Emanzipation als ein Burka- oder Kopftuchverbot? Wenn wir die häusliche Verwahrlosung eines Kindes an seiner Kleidung in der Schule erkennen, glauben wir dann, die Anordnung von Schuluniformen würde das Problem beheben?Wer das Kopftuch prinzipiell verbietet, muss sich also fragen, ob es wirklich undenkbar sein soll, dass eine Frau freiwillig ein Kopftuch tragen möchte. Wenn eine Muslimin ein Kopftuch tragen möchte, muss das in einem liberalen Staat ebenso schützenswert sein wie ihre Entscheidung, keines zu tragen. Wer Frauen verteidigen will, sollte ihnen eine selbstbestimmte Wahl ermöglichen, sollte Gewalt gegen Frauen (ob muslimisch oder nicht) ahnden und die, die sie misshandeln, verurteilen.
—————————————————Im Franziskuskalender 2012, der in diesen Tagen erscheint, steht ein bemerkenswerter Artikel zum «gewissen Etwas» (so der Titel des Kalenders) Kopftuch. Ich kann den Kalender oder ein pdf des Artikels schicken (wludin@bluewin.ch)

16. Juni 2011 | 01:55
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 1  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!