Für eine barmherzige Kirche
Walter Ludin

Wie (un)barmherzig sind wir?

(Predigt zum Verhalten Jesu gegenüber der Ehebrecherin)

Wenn wir das heutige Evangelium anschauen, spüren wir: Jesus kennt die Menschen und was in ihrem Innersten vorgeht. Ebenso sehen wir, wie klug – oder sagen es ruhig – wie schlau er ist.

Ja, er kennt die Menschen: Er weiss, dass auch die Frömmsten, die Pharisäer und Schriftgelehrten, keine perfekten, sondern sündige Menschen sind.

Und er erweist sich als schlau, wenn ihr diesen zuruft: «Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.» Zwar sind die Ankläger der Ehebrecherin selbstgerecht. Aber sie wagen es doch nicht, in aller Öffentlichkeit so zu tun, als ob sie schuldlos wären.

So weit zur Action, zur äussern Handlung des Evangeliums. Was aber ist der Kern seiner Botschaft? Es ist die Barmherzigkeit Gottes. Dies wurde schon am letzten Sonntag thematisiert in der Geschichte vom Verlorenen Sohn – oder wie man heute zutreffender sagt: vom barmherzigen Vater.

Diese beiden Abschnitte des  Evangeliums bilden eine starke Korrektur zu einem Gottesbild, das früher von der Kirche verkündet wurde. Schon früh wurde den Kindern beigebracht: Gott sieht alles. Und er bestraft alles, und zwar sofort.

So waren denn auch die Höllenpredigten besonders auch während den Volksmissionen sehr drastisch und Angst einflössend.

Dort wurde eine schiefe Theologie vermittelt nach dem Motto: Um in den Himmel zu kommen, braucht es spezielle Anstrengungen. Aber der Weg zur Hölle ist sehr rasch beschritten.

Entschuldigen Sie bitte, ich muss mich jetzt korrigieren. Ich sagte, dass in vergangenen Zeiten – allerdings haben viele von uns sie noch mitmachen müssen – dass also früher den Leuten oft die Hölle heiss gemacht wurde. Und ich muss nun  leider  sagen: Nicht nur früher. Denn ährend ich vorgestern diese Predigt vorbereitete, kam eine ältere Dame zu mir ins Sprechzimmer. Sie hört öfters einen sehr frommen katholischen Radiosender. Kürzlich habe dort ein Priester behauptet:

«Wer am Sonntag nicht in die Messe geht, macht eine Todsünde und kommt in die Hölle.» Ich behaupte, dieser fromme Mann hat das Evangelium Jesu nicht verstanden.

Für eine barmherzige Kirche | © Walter Ludin 2014

Wir können wieder zur Ehebrecherin und ihren Anklägern zurückkommen und behaupten: Diese sich glaubensstark fühlenden Männer haben ihre jüdische Bibel nicht verstanden, in der es heisst: «Gnädig und barmherzig ist Gott, geduldig und von grosser Güte.»

Ich möchte nicht mit vielen Bibelzitaten um mich werfen.  Doch es scheint mir wichtig, doch noch an die Aufforderung Jesu zu erinnern: «Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.»

Wohl den meisten von uns fällt uns dies schwer.Ein «kleines Würstchen», das straffällig war, bleibt auch Jahre oder Jahrzehnte nach seiner Entlassung ein «Zuchthäusler».

Gegen Schluss nochmals: Wir alle sind Sünder. Und spätestens seit 2010, als zahlreiche Missbrauchsfälle ans Licht kamen, wissen wir um die Sündhaftigkeit der Kirche. Ich denke, dass auf diesem Hintergrund und angesichts der oft heftigen, zum Teil durchaus berechtigten Reaktionen zu den Missbräuchen, ein Wort dazu nötig und hilfreich ist. Ich möchte dieses Wort Lothar Zenetti geben, dem vor anderthalb Monaten verstorbenen deutschen Pfarrer und Dichter. Im Jahr 2006, also vier Jahre  vor Bekanntwerden der Missbrauchs-Skandale schrieb er ein Gedicht mit dem Titel: «Unsereiner»

Ich habe durchaus
an der Kirche, so wie sie ist,
einiges auszusetzen:

Ich fürchte indessen,
der Kirche geht es, was mich
betrifft, nicht viel anders.

Gut, dass die heilige Kirche
zwar göttlichen Ursprungs,
aber zugleich eine
überaus menschliche
Kirche der Sünder ist.

So ist immer noch Platz,
auch für Leute wie mich.
Und ich finde hier,
wonach ich am meisten
verlange: Erbarmen.
Und Gottes unbegreifliche
Gnade.

 

Soweit Lothar Zenetti.

Ich  füge nur noch hinzu: Freuen wir uns und  danken  Gott,  dass wegen seiner übergrossen Barmherzigkeit auch für uns sündige Menschen Platz ist in der Kirche – und darauf dürfen wir fest hoffen – auch im Himmel.

Predigt Ennetmoos NW, So 10.00 Uhr

Für eine barmherzige Kirche | © Walter Ludin 2014
5. April 2019 | 17:10
von Walter Ludin
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