Walter Ludin

Wie sieht die Kirche der Zukunft aus? Anregende Visionen

Kirche wird soziologisch «kleiner, bunter und weniger klerikal» und theologisch gesehen «jesuanischer, urchristlicher und konzilsgemässer». So fasst die Agentur Kathpress das Referat des Innsbrucker Pastoraltheologen Christian Bauer zusammen, das er vor 500 Mitgliedern von Pfarreiräten hielt. Es enthält eine Menge Anregungen – und Diskussionspunkte.
Die Kirche wird kleiner, bunter und weniger klerikal und zugleich jesuanischer, urchristlicher und konzilsgemässer: Mit diesem Blick in die Zukunft konfrontierte der Innsbrucker Pastoraltheologe Christian Bauer am Freitagnachmittag die in Mariazell zum Kongress versammelten Pfarrgemeinderäte. Dass diese Sicht nicht radikal neu sei, zeige sich bereits in den Konzilsdokumenten «Lumen gentium» und «Gaudium et spes», die beide von der Kirche handeln, jedoch in den unterschiedlichen Perspektiven einer Innen- bzw. Aussensicht. Der Trend zeige eine Entwicklung von der bisherigen «Komm-her-Kirche» zur «Geh-hin-Kirche» der Zukunft, so Bauer an die anwesenden Pfarrgemeinderäte.
 Soziologisch gesehen werde die Kirche in Österreich relativ bald in der Minderheit sein, führte Bauer aus, der auf Berechnungen verwies, wonach bereits in 20 Jahren Katholiken weniger als 50 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen werden. Daran werde «weder eine Pfarrerinitiative noch eine Neuevangelisierung etwas ändern können». Dieser Befund müsse nicht negativ bewertet werden, weil es «die gute alte Zeit so nie gab» und die künftige Diasporasituation auch Chancen böte: Der Verlust der gesellschaftlichen Vorrangstellung bringe den «Gewinn der Freiheit der Kinder», so die Hoffnung des Pastoraltheologen.
 »Die Kirche wird künftig bunter sein», führte Bauer weiter aus und knüpfte daran die Erwartung, dass damit auch «Lagerkämpfe innerhalb der Kirche» überwunden sein dürften. Freilich nur dann, wenn die Kirche gleichzeitig die Bereitschaft behalte, wieder wachsen und sich dabei auch auf die Menschen mit ihren je eigenen Erfahrungen einlassen zu wollen.
 Ziemlich sicher sei auch, dass die Kirche künftig «weniger klerikal» sein wird, weil es weniger Priester geben wird. Dass die Priesterzahl nicht unbedingt ein Gradmesser für die Lebendigkeit der Kirche sein müsse, zeige ein Blick auf andere Teile der Weltkirche mit weit weniger Priestern als in Österreich. Voraussetzung dafür sei jedoch, dass immer mehr Christen ihre Charismen entdecken und in Eigenverantwortung leben, hielt der Theologe fest und sagte an alle gerichtet: «Es muss zuerst um das ‘Reich Gottes’ gehen, und nicht um die Stellung innerhalb der Hierarchie der Kirche.»
Künftig «näher am Evangelium»
Theologisch gesehen würden diese soziologischen Entwicklungen dazu führen, dass die Kirche der Zukunft «näher am Evangelium sein wird». Im Idealfall werde die Kirche künftig «jesuanischer, urchristlicher und konzilsgemässer». Entscheidend bleibe dabei bei jedem Christen die «lebendige Erinnerung an die persönlich erfahrene Berufung, Jesus zu folgen». Urchristlicher werde Kirche deswegen sein, weil sie künftig aus einem weiten Netz von «Hausgemeinden mit umherziehenden Wanderprediger» bestehen werde. Es brauche nach wie vor «Orte der Sammlung», aber noch mehr das Hinausgehen und Hineinwirken in die Gesellschaft.
Beide Stossrichtungen seien in den Konzilsdokumenten vorhanden, wobei man sich bisher vor allem auf den «Innenausbau der Kirche» gekümmert habe. Dazu zählten die Bemühungen um die Erneuerung der Liturgie wie auch der Communio in der Kirche – letzteres zeige sich beispielsweise in der Einführung der Pfarrgemeinderäte. Einzulösen blieben ein Mehr an Diakonie und Verkündigung, so Bauer. Erst dann werde die Kirche «konzilsgemässer» sein. Und bei ihrem Wirken nach Aussen dürfe sie «weder Gewinn noch Dankbarkeit erwarten».
 

19. Juni 2014 | 01:38
von Walter Ludin
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