Walter Ludin

Wie sehr lieben wir unsere Philosophen?

In Frankreich sind Philosophen weitaus populärer als im dt. Sprachraum, meinte mein Schulfreund Ruedi Imbach vorgestern während eines Gesprächs im Auditorium des KKL. Dazu eine Anekdote: Als er zum Professor für Mittelalterliche Philosophie an der Sorbonne, Paris, berufen war, fuhr er eigenhändig seine Bücher in einem Lastwagen nach Frankreich. Schliesslich sei er in der Rekrutenschule Lastwagenfahrer gewesen.
Offenbar hatte er seine Fähigkeiten überschätzt. Schon am französischen Zoll touchiere kam er in zu nahen Kontakt mit dem Gebäude. Der Zöllner fluchte und zeterte. Schliesslich fragte er, wozu die Bücher. Als Ruedi ihm erklärte, er werde an der Sorbonne  Philos-Professor, strahlte das zuvor höchst mürrische Gesicht: «Aaa, Etienne Gilson». (Dieser war einige Jahrzehnte zuvor ebenfalls Prof. für Philosophie.) Plötzlich spielte die Sachbeschädigung keine Rolle mehr …

Man stelle sich einen Schweizer Zöllner vor, der einem Professor gegenüber strahlend  Jaspers, Heidegger oder Bloch erwähnt …

Der Abend war für mich irgendwie irritierend: Vor mehr als 50 Jahren (1958-62) war ich mit Ruedi in dessen Heimatstädtchen Sursee in der gleichen Klasse des Untergymnasiums. Wir waren damals 13-17-jährig. Und nun sitzt ein älterer Herr vor mir; zudem einer mit einer aussergewöhnlichen Karriere. Die Sorbonne war ja im Mittelalter der allerbeste Ort für Philosophie. Für einen heutigen Philosophen gibt’s wohl weltweit keinen renommierteren Lehrstuhl …
Übrigens: Ruedi Imbach und ich hatten damals so etwas wie einen «Club der jungen Dichter.» Abends schrieben wir jeweils Gedichte. Am folgenden Tag trugen wir sie einander in der Pause vor, mit ähnlich interessierten Kollegen um das Schulhaus wandelnd …

5. April 2014 | 01:15
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 1  Min.
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