Markus Baumgartner

Wie ein Netzwerk von Engeln entsteht

«Dich schickt der Himmel!»: Es gibt sich umeinander sorgende Gemeinschaften. Sie sind ein Gegentrend zur anonymen Gesellschaft. Man hilft einander, sorgt füreinander, verhindert Einsamkeit. Es sind soziale Angebote, die das Leben leichter machen. Man nennt sie «Caring Communities», wie eine Tagung der reformierten Kirche Baselland zeigte.

«Es sollen hinfort wieder sitzen auf den Plätzen Jerusalems alte Männer und Frauen, jeder mit seinem Stock in der Hand vor hohem Alter, und die Plätze der Stadt sollen voll sein von Knaben und Mädchen, die dort spielen.» (Sacharja 8,4) Bei sorgenden Gemeinschaft geht es um die gegenseitige Unterstützung von Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen. Die sogenannten «Caring Communities» tragen in sich den Kern der Gemeinschaft, die in einem «Fürenand luege» gelebt werden soll. Ein Engel für den Nächsten sein. «Ist nicht dies das zentrale Thema des christlichen Glaubens und Lebens überhaupt?» So antwortete eine Teilnehmerin der «Caring Communities»-Tagung der reformierten Kirche Baselland. Ähnlich formulierte es Kirchenrätin Cornelia Hof, als sie die Tagung mit einem Zitat von Dietrich Bonhoeffer einläutete: «Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.» 

Mehr als ein zufälliges Zusammentreffen

Die Tagung richtete ihren Blick auf konkrete Projekte im In- und Ausland. Diese zeigen, wie das Modell der Caring Community real aussehen kann, berichtet Delphine Conzelmann, die als Theologin für das Pfarramt für Industrie und Wirtschaft in beiden Basel arbeitet: «Die Antwort überrascht vielleicht gerade in ihrer Einfachheit: So, wie Menschen, die gemeinsam essen. Wie Quartiercafés, wo Geschichten erzählt und gehört werden. Wie Suppenküchen, Telefonketten und Wohngemeinschaften.» Gleichzeitig ist es auch wieder nicht so einfach, wie es jetzt klingen mag. Besonders wenn sie gelingen, erwecken solche Aktionen oft den Anschein, sie seien ganz einfach aus dem zufälligen Zusammenstossen von Menschen erwachsen. Aber: «Nicht jeder Jassclub oder Fussballverein ist eine Caring Community», erklärt Peter Zängl, Professor für Soziale Arbeit an der FHNW. Wer ist es dann? 

«Kommet her» hat ausgedient 

Die Kirchgemeinde will in ihrer Idealform sorgende Gemeinschaft sein. Die bereits bestehenden kirchlichen Angebote sind vielzählig – vielleicht sogar zu sehr. Denn das Problem, so Simon Hofstetter, Beauftragter für Recht und Gesellschaft der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), ist ein anderes: «Die meisten Kirchgemeinden kreieren ein Angebot und warten dann einfach, dass interessierte Gäste auf sie zukommen.» Die «Kommet her»-Strategie nennt das Hofstetter – ein Modell, das spürbar ausgedient hat. Die Idee der Caring Community folgt nicht einer Angebotsstruktur. Sie funktioniert nur, wenn Leute mit, statt nur für andere arbeiten. 

Aus Bedürfnissen des Quartiers

Die meisten Caring Communities sind nicht aus der Idee einzelner, sondern aus den Bedürfnissen des Quartiers entstanden. Solche Projekte wachsen organisch, lassen sich immer wieder neu erfinden. Sie zählen darauf, dass sich die lokale Bevölkerung auch selbst einbringt. Ein Beispiel dafür ist das Kreativ-Kollektiv Orbit in Winterthur, welches die Notwendigkeit jeder Gemeinschaft auf die Partizipation aller mit einem schönen Projekt deutlich macht: dem Wunderkiosk. Dort bezahlten die Kunden nicht mit Geld, sondern mit ihren ganz persönlichen Wundergeschichten und Erinnerungen an Unglaubliches aus ihrem Leben. So hat sich das ursprüngliche Angebot des Kiosks allmählich gewandelt. Jetzt finden Besucher dort statt Gegenständen einen Fundus an Erzählungen. Ein weiterers gutes Beispiel ist die Internetplattform nebenan.de: Sie wurde fünf Jahre nach der Gründung bereits von 1’450’000 Personen in 7500 Nachbarschaften genutzt.

«Man muss sie schaffen»

Die Caring Community ist in der Tat Kernthema des christlichen Lebens. Aber eben nicht nur für Kirchen: Die Modelle sozialen Zusammenlebens betreffen nicht nur Pfarrpersonen, sondern auch Stadtentwickler, Ökonominnen, Politiker und Unternehmen. Fazit von Delphine Conzelmann: Sorgende Gemeinschaften hat eine Gesellschaft nicht einfach, sondern man muss sie schaffen.

Quelle Karikatur ref-sg.ch
25. Oktober 2021 | 21:13
von Markus Baumgartner
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