Walter Ludin

Wie die Palästinenser leiden

Wie Israel Menschenrechte verletzt
Eine ehemalige Kollegin von mir, Redaktorin beim Wendekreis, ist im Westjordanland als Menschenrechtsbeobachterin im Einsatz. Die neu gegründete ONZ Obwalden und Nidwalden Zeitung brachte ein Interview mit ihr. Ich hoffe, jene, die Israel blindlings vertrauen, werden es lesen. (Einige Auszüge
«Ein Ende der Besetzung ist nicht abzusehen»
Stanserin kämpft für Menschenrechte im Westjordanland
Die Stanser Journalistin Rosmarie Kayser ist für drei Monate als Menschenrechtsbeobachterin im Westjordanland im Einsatz. Im Interview mit der ONZ spricht sie über ihre Erfahrungen und ihre Einschätzung der Situation vor Ort.
Sabine Schaller: Wie präsentiert sich die aktuelle Lage im Westjordanland?Rosmarie Kayser: Ein weiterer Versuch von Friedensgesprächen ist gescheitert, ein Ende der Besetzung ist nicht abzusehen. Der Ausbau der israelischen Siedlungen auf palästinensischem Land schreitet voran. Ohne Bewilligung können die Menschen hier weder nach Jerusalem noch nach Israel reisen, und Bewilligungen sind schwer erhältlich. In weiten Teilen des Westjordanlands bekommen die Leute keine Erlaubnis, Häuser zu bauen oder Brunnen zu graben. Tun sie es trotzdem, riskieren sie, dass das Haus von der israelischen Armee abgerissen, der Brunnen zerstört wird. Dies sind nur ein paar Beispiele von den Schwierigkeiten, mit denen die Menschen hier leben müssen.
Was hat Sie dazu bewogen, an diesem Programm teilzunehmen?Die Situation im Nahen Osten hat mich schon immer interessiert. Mir war auch schon länger bewusst, dass vieles, was man im Westen davon hört, im besten Fall oberflächlich ist. Man hört und liest von einem «Konflikt», und vergisst dabei die Menschen, die unter der israelischen Besetzung leiden, die ihr Land oder ihr Haus verloren haben, die in ihrer Bewegungsfreiheit und in ihren Entwicklungschancen extrem eingeschränkt werden – obwohl sie nie irgendetwas gegen den israelischen Staat oder einen israelischen Bürger unternommen haben. Irgendwann kam der Wunsch auf, diese Menschen kennenzulernen, für eine Zeit bei und mit ihnen zu leben und sie zu unterstützen, soweit das möglich ist.
Welche Art von Menschenrechtsverletzungen beobachten Sie in Yanoun und Umgebung?Hier in Yanoun leiden die Menschen vor allem unter den israelischen Siedlungen, die nach internationalem Recht alle illegal sind. Die grosse Siedlung Itamar ist nur wenige Kilometer von hier entfernt. In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre begannen die Siedler von dort sogenannte «Aussenposten» aufzubauen, die offiziell sogar nach israelischem Recht illegal sind. Anfangs dieses Jahrhunderts wurden die Siedler immer brutaler: Sie bedrohten die Dorfbewohnerinnen und -bewohner mit Waffen, schlugen sie, schossen gar auf sie und drohten, alle umzubringen, die nicht wegziehen. Im Oktober 2002 hielten es die Leute nicht mehr aus und gingen weg. Dies erregte international Aufsehen. Friedensgruppen – auch israelische – und Aktivisten aus verschiedenen Ländern kamen hierher und standen der Bevölkerung bei, die allmählich wieder ins Dorf zurückkehrte. Seither sind immer Ausländerinnen und Ausländer in Yanoun präsent. Doch die Bauernfamilien hier haben viel verloren: Einen grossen Teil ihrer Olivenhaine können sie nicht mehr pflegen und das frühere Weideland für ihre Schafherden dürfen sie nicht mehr betreten. Denn die Siedler dulden es nicht, wenn sich die Bauern ihren Siedlungen nähern; und die israelische Armee, die hier für die Sicherheit zuständig ist, unterstützt nicht die palästinensischen Landbesitzer sondern die Siedler.
Wie können Sie im Rahmen des Ökumenischen Begleitprogramms in Palästina und Israel (EAPPI) konkret helfen?In erster Linie durch die Präsenz im Dorf. Der Dorfvorsteher Raschid Murar sagt, dass die israelischen Siedler unsere Kameras mehr fürchten als eine M16. Und die Menschen hier bestätigen uns immer wieder, dass sie weniger Angst haben, weil sie wissen, dass wir da sind. Immer wieder kommt es vor, dass Siedler mit umgehängten Maschinengewehren durch das Dorf gehen. Wir beobachten sie und machen Fotos. Tätliche Angriffe hat es in letzter Zeit kaum gegeben.
Welche Aufgaben fallen Ihnen dabei zu?Alle fünf Personen unseres Teams teilen sich die verschiedenen Aufgaben. Neben der Präsenz in Yanoun besuchen wir Dörfer in der Umgebung, die ähnliche Probleme haben. Wir fahren auch ins Jordantal, wo die Menschen unter dem Druck von israelischen Siedlungen und Armee besonders leiden. Wir besuchen Familien und hören uns ihre Geschichten an. Vorfälle wie die Zerstörung von Häusern werden uns meist schnell gemeldet. Doch weil die Distanzen lang sind, kommen wir meist erst, wenn die Armee bereits abgezogen ist. Trotzdem schätzen es die Betroffenen sehr, dass sie in dieser Situation nicht allein gelassen werden, dass sich Leute aus Europa, Amerika und Südafrika für sie interessieren. Danach schreiben wir Berichte, die zum Teil auch an andere Organisationen weitergeleitet werden. Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist auch, über das, was wir sehen und erfahren, in unseren jeweiligen Ländern zu berichten. Die westliche Welt soll wissen, was es heisst, unter der Besetzung zu leben.
Vermag westliche Kritik an Menschenrechten tatsächlich etwas zu verändern?Westliche Kritik vermöchte sehr wohl etwas zu ändern, wenn sie stark genug vorgebracht würde. Bisher sind es vor allem Menschenrechts- und Solidaritätsgruppen, sowie einige «linke» Politikerinnen und Politiker, die die ungerechte Situation kritisieren. Das ist gut, reicht aber nicht. «Es bräuchte eine massive internationale Kampagne für das Jordantal», sagte mir beispielsweise der palästinensische Gouverneur von Jericho. Wir trafen ihn in Abu Al Ajaj, einem Beduinendorf, in dem kurz zuvor die israelische Armee mit Bulldozern eingefahren war und ein Wohnzelt und mehrere Schafställe zerstört hatte. Und eine Israelin, die sich für gerechten Frieden und gegen Krieg und Unterdrückung engagiert, sagte: «Wir brauchen Hilfe von der internationalen Gemeinschaft, den Druck von aussen auf unsere Regierung.» Nur so sei ein Fortschritt Richtung Frieden möglich.
Die Situation zwischen Israel und Palästina ist seit Jahren verfahren und lässt kaum auf eine Lösung hoffen. Woher nehmen Sie die Kraft, sich für den Frieden in Nahost einzusetzen?Manchmal bin ich schon ziemlich pessimistisch. Ich habe hier zusehen müssen, wie im Aussenposten auf dem Hügel gegenüber weitere Wohncontainer aufgebaut wurden. Auch eine neue Strasse, die verschiedene Aussenposten miteinander verbindet, wurde vor kurzem eröffnet. Und der Dorfvorsteher Raschid Murar erzählte uns von Plänen der Armee, auf der andern Seite des Dorfes einen weiteren Posten einzurichten. Dann wird Yanoun von Siedlungen und Einrichtungen der israelischen Armee fast völlig eingekreist sein. Und im Jordantal kann man nicht anders als zu glauben, dass die israelische Armee und die Siedler die Menschen endgültig vertreiben wollen. Doch wenn ich sehe, wie die Leute hier mit ihrer schwierigen Situation umgehen, kann ich sie nur bewundern. Ich spüre zwar Traurigkeit, manchmal auch Wut bei ihnen. Aber Verbitterung und Hass – das sehe ich kaum. Sie haben einen unglaublichen Durchhaltewillen. Sie halten fest an ihrem Land, an ihrer Heimat, und glauben, einmal frei leben zu können – wenn nicht sie selbst, dann ihre Kinder.
Ist Ihre Arbeit eher politischer oder humanitärer Art, oder anders gefragt, gelingt es als Menschenrechtsbeobachterin eine neutrale Sichtweise zu wahren?Auf den ersten Blick scheint es tatsächlich schwierig, nicht Stellung zu beziehen für die palästinensische und gegen die israelische Seite. Aber ich habe hier verschiedene Israelis getroffen, die genauso gegen die Besetzung und die Siedlungen sind wie ich. Es ist nicht einfach so, dass die Guten auf der einen und die Bösen auf der anderen Seite stehen. Aber wofür wir hier klar Stellung beziehen, das sind die Menschenrechte. Wenn diese verletzt werden, gibt es keine «Neutralität».
Gibt es ein Erlebnis, das Ihnen besonders in Erinnerung bleiben wird?Letzte Woche wurden wir nach Khirbet Tana gerufen, in ein kleines Dorf in der Nähe, in dem die israelische Armee frühmorgens praktisch alle Wohnzelte, die offenen Schafställe und die kleine Schule zerstört hatte. Die Begründung: Das Gebiet sei militärisches Trainingsgebiet, da dürfe niemand wohnen. Und dies, obwohl es dort schon ein Dorf gab, lange bevor Israel überhaupt existierte. Wir sprachen mit einem Mann, dessen Unterkunft und Schafstall in Trümmern lagen. Der Mann zeigte uns alles, lud uns zum Tee ein, sprach von seiner Familie und lächelte immer wieder. Die Soldaten hätten ihm gesagt, er solle ins Nachbardorf ziehen, erzählte er uns. Doch er habe geantwortet, er baue seine Sachen gleich wieder auf. Dies war das dritte Mal, dass dieses Dorf zerstört wurde. Und am Mittag war bereits das Material für das erste neue Wohnzelt hergefahren worden und junge Männer machten sich an die Aufbauarbeit.
Nachtrag von WLu: Nochmals: Wie kann man im Angesicht solcher Fakten Israel durch dick und dünn verteidigen????? Kann man durch solche Repressalien wirklich Vertrauen und Frieden schaffen? Oder hat das Ganze nur den einen Zweck, die Palästinenser zu vertreiben?

5. Januar 2011 | 01:51
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 5  Min.
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