Markus Baumgartner

Wie der Pfarrer einen Campingplatz rettet

Direkt an der Sihl gelegen befindet sich der Campingplatz Sihlwald mitten im Wildnispark Zürich. Lange stand der Fortbestand auf der Kippe. Damit drohte eine einzigartige Lebensgemeinschaft seinen Platz zu verlieren. Dank einer Interessengemeinschaft (IG) bleibt die Oase im Grünen nun erhalten. Die IG wird von Pfarrer Werner Schneebeli aus Affoltern am Albis präsidiert. 

Der Campingplatz Sihlwald gleicht einer wilden Wohngemeinschaft – vom Randständigen bis zum Millionär ist alles vertreten, schreibt das Onlineportal der «Zürichsee-Zeitung». Immer wieder wurde auch Randständigen ein Schlafplatz geboten, die ansonsten auf der Strasse hätten übernachten müssen. Auch diese Menschen hat die kunterbunte Gemeinschaft jeweils sofort ins Leben auf dem Campingplatzes integriert.

Der Aufschrei und Schock unter den eingefleischten Campern war daher gross: Im letzten Sommer kündigte die Stiftung Wildnispark Zürich an, der Campingplatz Sihlwald mit seinen 80 Stellplätzen werde per Oktober 2020 geschlossen. Die Infrastruktur sei marode und müsse komplett erneuert werden. Zudem lief der befristete Vertrag mit der langjährigen Campingplatz-Betreiberin per Ende Jahr aus. Der Naturoase drohte so nach vielen Jahren ein jähes Aus.

Aufgeben war keine Option

Man merkt schnell, warum der Erhalt des Campingplatzes Sihlwald für viele Besucherinnen und Besucher eine Herzensangelegenheit ist: Für Menschen aus allen Teilen der Bevölkerung bietet sich hier in Stadtnähe eine Naturoase. Einige pendeln unter der Woche von hier aus zur Arbeit, andere arbeiten gleich im «Camping-Office», schreibt die Zeitung «Thalwiler Anzeiger/Sihltaler». Daneben fliesst die Sihl und lädt auf eine Abkühlung ein. Das ist mit ein Grund, warum auch Stadtzürcher im Sommer gern ein paar Nächte auf dem Campingplatz verbringen. Während die Hitze in der Grossstadt tagelang stehen bleibt, weht hier eine angenehme Brise. 

Für den Erhalt wurde die Interessengemeinschaft (IG) Camping Sihlwald unter dem Präsidium von Pfarrer Werner Schneebeli (59) gegründet. Sie regte an, dass der Platz weiter genutzt werden könne, bis klar sei, wie es mit dem Campingplatz weitergehe. Ohne den Pfarrer und seine Mitstreiter würde sich heute im Sihlwald ein tristes Bild bieten. «Diesen Ort kampflos aufzugeben, das konnte ich nicht akzeptieren», sagt Werner Schneebeli zum «Thalwiler Anzeiger/Sihltaler». Der Campingplatz sei schliesslich für viele ein echtes Zuhause. Aus der IG hat sich dann der Verein Camping Sihlwald entwickelt. Nach erfolgreichen Gesprächen mit dem Wildnispark konnte man die Führung des Campinglatzes ab der Saison 2021 übernehmen. Der Pfarrer aus Affoltern am Albis war schon vorher oft mit seinem Wohnwagen hier. 2020 platzierte er ihn erstmals die ganze Saison auf dem Campingplatz: «Im Corona-Jahr war er für uns ein idealer Fluchtort und Familientreffpunkt.»

Expertise aus dem Kirchenamt

Sein Beruf bringt aber auch Vorteile mit sich, ist sich der Pfarrer sicher. «Die Kommunikation und die Vertrauensbasis, die das Amt mit sich bringen, erleichtern vieles. Es soll klar sein, dass der Verein mit der Führung des Platzes keinen Gewinn erwirtschaften will.» Der Campingplatz laufe gut, und man erwartet dieses Jahr einen Umsatz von etwa 100’000 Franken. Dieses Geld werde in den Campingplatz einfliessen, einerseits für Renovationen, aber auch in die Erhöhung der Löhne der Angestellten. Der Campingplatz wird zu 70 Prozent von Touristen aus dem In- und Ausland und zu 30 Prozent von diversen Stammgästen aus der näheren und weiteren Umgebung genutzt. Die Saisonmiete beträgt je nach Lage und Grösse des Platzes 2100 bis 2800 Franken.

«So etwas wie ein Platzpfarrer»

Der Campingplatz Sihlwald dürfte wohl der einzige sein mit einem Pfarrer als «Chef». «Ich bin schon so etwas wie ein Platzpfarrer geworden», sagt Schneebeli zum «Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern». Als Seelenklempner agierte er mit der Rettung des Campingplatzes für die alteingesessenen Camper, die stark an ihrem Platz hängen. Und nicht zuletzt hat Schneebeli ein offenes Ohr für die Menschen, die ihr Leben anders gestalten als die meisten in der Wohlstandsgesellschaft. Immer wieder wenden sich Gäste mit persönlichen Angelegenheiten an den Seelsorger. «Das ist nicht immer einfach, aber ich versuche stets, mir die Zeit zu nehmen. Er geniesse am Campingplatz vor allem die Ruhe und Entspannung, die im Berufsalltag oft zu kurz komme.

Pfarrer wurde Werner Schneebeli über Umwegen: Nach der Berufslehre als Motorradmechaniker studierte er in Zürich Theologie. Die Motivation dazu wuchs aus dem jahrelangen Engagement in der Cevi Jungschar. 1995 übernahm er eine Pfarrstelle als Gemeindepfarrer in Affoltern am Albis und zog mit seiner Frau und drei kleinen Kindern ins Säuliamt. Das ländliche Gepräge gefiel ihm so gut, dass er der Gemeinde treu geblieben ist. Inzwischen ist er Grossvater und ein neuer Lebensabschnitt läutet ein: Seit 2012 leitet er als Dekan das Kapitel und engagiert sich im Strukturwandel der Zürcher Landeskirche. Dort gibt er seine Begeisterung für den Pfarrberuf weiter.

Bild Quelle wildnispark.ch
9. Juli 2021 | 22:06
von Markus Baumgartner
Teilen Sie diesen Artikel!