Wie andere mich sehen
Er ist schwach … und liberal
Nach der Abendmesse, die ich in einer Luzerner Kirche zelebriere, wartet eine Bekannte auf mich. Da wird sie Zeugin eines Gesprächs, das zwei Damen über mich führen: «Er war vor einigen Jahren todkrank. Er ist immer noch sehr schwach. Wir haben sie ja gehört, seine schwache Stimme.» Gerade am Morgen hat mein Onkologe meine gute Gesundheit diagnostiziert. Und Freunde sagen immer wieder, wie ich wieder recht fit aussehe.
Eine Stunde später, eingeladen zum Abendessen, erzähle ich die Episode einem Freund, einem Psychotherapeuten. Er hat sofort eine Erklärung zur Hand: «Was man in dir drin sieht, sieht man auch draussen; egal, wie es draussen aussieht.»
Ich erinnere mich an Max Frischs Theaterstück «Andorra»: Der junge Andri gilt im Dorf als Jude. Alle bemerken seine unverwechselbar jüdischen Züge: «Er sieht aus wie ein Jude, bewegt sich wie ein Jude, denkt wie ein Jude.» Doch da stellt sich heraus: Andri ist der Sohn eines Dorfbewohners. Nix von jüdischer Abstammung.
Übrigens: Das Gespräch der beiden Damen war weitergegangen: «Er ist liberal. Hahaha…. Aber er meint es gut.» Immerhin!
(Dieser Beitrag erschien in der KIPA als «Seitenschiff»)
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