Wider die falschen Simplifikationen
Aussagen, die einfach und radikal klingen, haben es oft leichter als differenzierende Positionen. Vielleicht ist die Rezeption des II. Vatikanischen Konzils deswegen so schwierig. Denn das Konzil zeichnet sich in verschiedenen Hinsichten dadurch aus, dass es spannungsvolle Einsichten zusammenhalten will. Es verbindet Ressourcement – Rückkehr zu den Quellen – mit Aggiornamento. Es vergewissert sich der eigenen Grundlagen – Liturgie und Offenbarung – und öffnet sich zugleich für die Zeichen der Zeit. Es ist in den eigenen Überzeugungen verwurzelt und zeigt gleichwohl anderen Konfessionen, Religionen und kulturellen Werten gegenüber Respekt und Anerkennung.
In einem Vortrag, der 1964 zur 550-Jahr-Feier der Eröffnung des Konzils von Konstanz 1414-1418 gehalten wurde, bezeichnet Kardinal Franz König das II. Vatikanische Konzil als Versuch, die Anliegen des Konzils von Konstanz mit den Anliegen des I. Vatikanischen Konzils zu verbinden. In diesem Bemühen sei dem Konzil eine Tendenz zur coincidentia oppositorum, dem Zusammenfall der Gegensätze, eigen. Damit würdigt König die Fähigkeit des Konzils, gegen falsche Vereinfachungen die komplexe, spannungsreiche und manchmal sogar widersprüchliche Struktur christlichen Glaubens aufrechtzuerhalten. Wer die Spannungen auflösen wollte, würde den Glauben verflachen lassen. Dabei bezieht sich Kardinal König nicht zuletzt auf die kirchlichen Strukturen, in denen Spannungen gewahrt werden müssen.
«Der Zug zur Mitte, zur coincidentia oppositorum, auf dem heutigen Konzil besteht theologisch in der Polarität zwischen göttlicher Autorität und menschlicher Freiheit, ekklesiologisch im organischen Zusammenwirken von Papsttum und Bischof, von Klerus und Laienwelt».
(emf; vgl. David Neuhold: Franz Kardinal König. Religion und Freiheit. Versuch eines theologischen und politischen Profils. Fribourg: Academic Press, 2008 [Studien zur christlichen Religions- und Kulturgeschichte 8], 78-139, 81)
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