Markus Baumgartner

Wenn der Bau einer Kirche verboten wird

In Ost-London ist ein neues spirituelles Zentrum entstanden – die schwimmende Kirche mit einem Pop-Up-Dach. Es ist ein speziell in Auftrag gegebenes Kanalboot namens «Genesis». Es setzt eine lange Verbindung zwischen Christentum und Wasser fort . Das Boot bietet Platz für 40 bis 60 Personen und dient einem Quartier, das sonst nicht hätte erschlossen werden können. 

Die Kunst und Architektur des Christentums ist durchtränkt von Bildern zum Thema Wasser: vom Fischer Petrus über das Taufbecken und Weihwasserbecken bis hin zum Verständnis des Körpers des Kirchengebäudes selbst als «Schiff» (von «navis», lateinisch für Schiff), schreibt die «Financial Times». Das am besten bekannte Schiff ist eine Arche. So ist es vielleicht gar nicht so überraschend, am Rande des Olympiaparks im Osten Londons auf die schwimmende Kirche der Church of England – Diözese London – zu stossen. «Das Gebiet um den Londoner Olympiapark ist ein Regenerations-Treibhaus mit Mikrobrauereien, Technologie-Startups, Speakeasys und Spas. Jetzt werden ihre spirituellen Bedürfnisse befriedigt – mit einer schönen Kapelle auf einem Lastkahn», schreibt «The Guardian».

Die schwimmende Kirche ist ein Versuch, das spirituelle Loch im Herzen eines neuen Viertels anzugehen. Die London Legacy Development Corporation, die für die Planung des Gebiets um den Olympiapark zuständig ist, lehnte es nämlich ab, neue Gebäude zu akzeptieren, die einem einzigen religiösen Glauben gewidmet sind. Die Church of England reagierte flink: Sie gab für ein Budget von 650’000 Pfund den Umbau eines Lastkahns in Auftrag, der unauffällig auf dem Kanal schwimmen sollte. In einer vierjährigen Projektphase entstand ein Boot, das Genesis genannt wird. Dieses kreative Angebot fährt durch alle neuen Stadtviertel, welche die Kirche zu erreichen versuchte. «Es soll ein dynamisches religiöses Wachstum in dieser vielfältigen und sich ständig verändernden Stadt anregen», wie die Londoner Bischöfin Sarah Mullally sagte. 

Leuchtendes Pop-Up-Dach

Die von den Architekten Denizen Works entworfene Kirche liegt diskret zwischen den anderen, privat betriebenen Lastkähnen. Die Entstehung kann auf einem YouTube-Video mitverfolgt werden. Die neue Kirche zeichnet sich durch ein ausfahrbares Dach aus, das sich an Kirchenorgel-Bälgen und Volkswagen-Wohnmobilen orientiert. Das Dach soll die Aufmerksamkeit auf den Veranstaltungsort lenken. Es ist ein intelligenter Mechanismus, um mehr Platz im Inneren zu schaffen und einen beleuchteten Wegweiser für einen neuen öffentlichen Ort zu schaffen. Der Raum wird von aussen mit einem mit LEDs ausgekleideten Aufstelldach gekrönt. Das Dach kann auf Knopfdruck leicht abgesenkt werden, wodurch sich die Kapelle in ein kompaktes und tief liegendes Bauwerk verwandelt, das problemlos durch Londons engste Kanaltunnel passt.

Zusammenklappbarer Altar

Es gibt einen kleinen Altar, der so gestaltet ist, dass er leicht zusammengeklappt und verstaut werden kann. Das Boot bietet 40 Plätze zum Sitzen oder 60 zum Stehen. Der schwebende Pfarrer, Pastor Dave Pilkington, vergleicht seine Arbeit mit einem Treffen der Anonymen Alkoholiker: Menschen, die aus Neugierde oder Not auftauchen, die reden, wenn sie wollen, oder vielleicht auf die englischste aller Arten, um eine Tasse Tee zu trinken.

Die Genesis-Kirche ist eine neue Art von öffentlichem Gebäude für ein entfremdetes Zeitalter. Fazit der «Financial Times»: «Angesichts der Vorhersagen über schmelzende Eisschilde und steigende Meeresspiegel könnte dieser bescheidene kleine Kahn durchaus ein Blick in die Zukunft sein.» 

Bild Quelle london.anglican.org
8. November 2020 | 13:46
von Markus Baumgartner
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