Br. Paul Tobler

Weltjugendtag in Polen – eine moderne Wallfahrt

Es ist ziemlich genau ein Monat her, da trafen sich eine Riesenmenge junger Menschen aus aller Welt zum Weltjugendtag, dem Treffen der jungen Gläubigen der katholischen Kirche. Man machte sich auf den Weg: Je nach dem wurden erlebnisreiche Vorreisen gemacht, meist folgten Tage zu Gast in einer Diözese, das heisst in Pfarreien und Gastfamilien, hin zur Hauptwoche mit Hunderttausenden in einer grossen Stadt, diesmal Krakau. Und schliesslich das Schlusswochenende mit Vigilfeier, Übernachtung im Freien, Schlussgottesdienst, Anwesenheit des Papstes. Ich durfte mit 400 Deutschschweizern dabei sein. Eine tolle Erfahrung.

Einerseits ist es ein moderner «Megaevent». 1.5 Millionen junge Menschen waren es am Schluss. Die Organisation ist eine Herausforderung. Anderseits, so glaube ich, ist es absolut in der jahrhundertealten katholischen Tradition der Wallfahrten. Eine moderne Wallfahrt, eine Pilgerreise, zugeschnitten auf junge Menschen des 21. Jahrhunderts. Zu erkennen war das beispielsweise an der Weltjugendtags-App «Pilgrim» für Smartphones, die Stadtführer, Programmübersicht, Infos zu Sehenswürdigkeiten, News, Videos, etc. zugleich bot. Es war sicher visionär von Papst Johannes Paul II., dass er in den 80er-Jahren den Weltjugendtag als eine «modernisierte Tradition» ins Leben rief.

Eindrücklich waren Land und Leute: Man erlebte eine andere, tief christliche Kultur. Es hiess zum Beispiel: Eine überaus lebendige Pfarrgemeinde. Ich erlebte mit meiner Gastfamilie eine vollgestopfte Kirche – «die neue Kirche ist halt noch im Bau» – und folgte der sonntäglichen Heiligen Messe, wie viele andere auch, vom Kircheneingang aus, zusammen mit vielen junge Menschen, Familien, Kindern. Ich habe die Schweizer Kirche gern, aber eine solche Erfahrung tut gut.

Zum Pilgern gehört immer auch, etwas zu erleben. Auf unserer Reise etwa in einer stundenlangen Kajakfahrt durch superschöne Auenlandschaften der Masuren im Nordosten des Landes, auf den Spuren auch des jungen, sportlichen Karol Wojtyla, mit einer Heiligen Messe in freier Natur. Daneben das «unvermeidbare Chaos» in einer mit Hunderttausenden gefüllten Gastgeberstadt: Übervolle Züge, Wartzeiten, … – was aber entgegen der Intuition plötzlich durch Instrumente, Gespräche oder unerwartete Begegnungen sehr erfreulich und ansprechend werden konnte. Oder der Fussmarsch mit dem Nötigsten zum Ort des Schlussweekends, in Massen, auf abgesperrter Autobahn. Und, und, und. Wie würden Sie einen Anlass organisieren, der junge Leute bewegen soll?

Und natürlich fehlten auch ausdrückliche Inhalte nicht. Christliches Pilgern heisst, Jesus Christus näherkommen, von ihm hören. Im Grösseren: Unglaublich beeindruckende, aufwändige Liturgien in grosser Menge, Ansprachen des Papstes, eine eindrückliche Kreuzweg-Aufführung, übertragen auf viele Video-Leinwände in der Umgebung. Im Kleineren: Anregende Predigten, Gespräche untereinander, schön gestaltete Gebetszeiten in der Gruppe, spannende Glaubensvorträge, etwa von Bischof Paul Hinder, Schweizer Bischof in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Vorträge waren abgerundet von gemeinsamen Gottesdiensten innerhalb der Deutschschweizer Gruppe, musikalisch toll umrahmt, schön und tief.

Nun sind wir wieder zurück. Äusserlich gesehen wird das Leben des Pilgers wieder seinen recht gewöhnlichen Lauf genommen haben. Auf die «Intensivzeit» folgte, wie üblich, wieder die alltägliche, weniger spektakuläre. Aber sicher gab es Erfahrungen, die nicht unberührt liessen, sondern Spuren hinterlassen haben. Das war meine eigene Erfahrung als Teilnehmer vergangener Weltjugendtage. Es waren grundlegende, tiefe Erfahrungen, die sich einprägten. Und diesmal, 2016, hat es mich persönlich belebt, gestärkt und mir gutgetan. So wie das bei einer rechten Wallfahrt der Fall ist.

Bilder und mehr: Facebook-Seite ARGE Weltjugendtag Schweiz

Offener Himmel über Weltjugendtags-Teilnehmern am Eröffnungsgottesdienst in Krakau. | © Br. Paul Tobler OSB
2. September 2016 | 09:55
von Br. Paul Tobler
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