Walter Ludin

Weihnachtspredigt

«Mehr Gefuhl»?Kein anderes Fest ist wie Weihnachten mit Gefühlen verbunden. Vor allem das kleine, hilflose Kind in der Krippe löst in den meisten Menschen einzigartige Gefühle aus. Ein gefühlvolles Fest ist sicher nichts Schlechtes. In unserer Weltgegend leiden ja viele unter Gefühllosigkeit. Als ich während meiner Studentenzeit in einer langweiligen Vorlesung die koreanischen Schriftzeichen meiner Kollegin Ancha imitierte, flüsterte sie: «Viel mehr Gefuhl!» Ja, mehr Gefühl würde uns oft gut tun.Und dennoch: Die weihnachtlichen Gefühle verdecken oft das, was die Bibel uns mit ihren Geschichten sagen will.»«¢ Ein Beispiel, die Hirten: Sie werden in unseren Vorstellungen meistens zu harmlosen, ja kitschigen Gestalten. In Wirklichkeit waren die Hirten damals Gestalten am Rande der Legalität – oder sogar darüber hinaus. Heute würden solche Männer vielleicht unter den Hooligans anzutreffen sein. Wenn die Hirten an die Krippe eingeladen werden, will uns die Bibel sagen: «Gott wendet sich besonders den Schwachen, ja auch den Sündern zu.»«»¢ Oder ein anderes Beispiel, die Krippe: Wenn wir heute von Krippen sprechen, meinen wir so geordnete soziale Einrichtungen wie die Kinderkrippen. Und wir vergessen, dass die Krippe der Weihnachtserzählung ganz banal einen Futtertrog meint. Jesus wurde also ganz un-romantisch in einem Stall geboren. Gestern Nacht habe ich erzählt, dass eine Bekannte von mir sich aufgeregt hat, weil Maria ihren Sohn unter unhygienischen Verhältnissen zur Welt bringen musste.Der langen Rede kurzer Sinn: Weihnachtliche Gefühle sind gut. Aber sie dürfen nicht ein Ersatz sein für die nicht durchwegs schöne Realität. Zum Glück gibt es immer mehr Bestrebungen, diese Wirklichkeit in den Vordergrund zu stellen.»«¢ Ich denke da an die Krippe, die ich vorgestern im Kloster Gerlisberg bei den Luzerner Kapuzinerinnen gesehen habe. Die junge, kreative Schwester, die sie gestaltet hat, legte einen grossen Ballen Stroh daneben. Und im ganzen Krippenbereich liegt Stroh am Boden. Als ich vor dieser realistischen Krippe stand, fühlte ich mich in den Stall meines Vaters versetzt. «»¢ Oder ich denke an ein Geschichte, die seit einigen Jahren in der Weihnachtszeit die Runde macht. Sie geht von der Frage aus: Was wäre, wenn Christi Geburt heute stattgefunden hätte? Die aktualisierte Weihnachtsgeschichte trägt den Titel: «Säugling in Stall gefunden – Polizei und Jugendamt ermitteln.» Tatsächlich, heute würde ein Neugeborenes in einem Futtertrog wohl Polizei und Sozialamt auf den Plan rufen.Wenn an Weihnachten Gefühle überhand nehmen – so gut und notwendig sie sind – besteht die Gefahr, dass das Fest zu einer harmlosen Angelegenheit wird. Das, was die Evangelien uns sagen wollen, wird vergessen.
Es gibt noch einen andern Grund, der dazu führt, die Frohbotschaft von der Geburt Jesu zu verdunkeln: die dunklen Seiten der Kirche und ihrer Geschichte. Nein, ich werde jetzt nicht über das wichtige, aber schon vielfach zerredete Thema «sexueller Missbrauch» reden. Ich meine vor allem die Art und Weise, wie die Kirche aus der Frohbotschaft eine Drohbotschaft gemacht hat. Noch vor 50 Jahren konnten meine Mitbrüder Kapuziner auf Volksmissionen stundenlang über die Hölle predigen. Solches sitzt tief im Gedächtnis der Menschen. Noch gestern habe ich auf spiegel-online eine Kolumne gesehen mit dem Titel «Das unerträgliche Fest». Sie beginnt mit der Behauptung: «Weihnachten ist ein Fest der Angst, das eine Religion der Angst feiert.» Der Autor mag Gründe gehabt haben, so etwas zu schreiben; vielleicht persönliche Verletzungen. Doch von der Botschaft des heutigen Tages hat er nicht viel verstanden. Denn sie macht Weihnachten gerade zu einem Fest, das die Angst besiegt. Werfen wir einen Blick auf die Lesungen:»«¢ Heute morgen wie schon zuvor in der Nacht spricht Jesaja vom Licht, das über uns aufstrahlt. Er erzählt vom Friedensfürsten, der Gerechtigkeit und Frieden für alle schafft.»«¢ Und im Evangelium (Anmerkung: Ich nehme das Lukas-Evangelium der Hl. Nacht) ruft ein Engel den verängstigten Hirten zu: «Fürchtet euch nicht. Ich verkünde euch eine grosse Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll. Heute ist euch der Retter geboren.»Sie, liebe Gläubige, sind wohl mit mir einig: Ein unerträgliches Fest, ein Fest der Angst sieht ganz anders aus. Zum Schluss lade ich Sie ein: Öffnen Sie ihre Herzen für die weihnachtliche Froh-Botschaft, die Botschaft des Friedens und der Freude. Gefühle können Ihnen helfen, sie besser zu verstehen; aber auch ein Blick auf die ursprünglichen Bilder der Bibel, die uns die Zuwendung Gottes zu den Kleinen, Verachteten ganz anschaulich vor Augen führen. (Langnau i. E., 9.30 Uhr)

25. Dezember 2011 | 01:34
von Walter Ludin
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