Was gerade zu Ende ging. Risse im Projekt der pianischen Kirche
Anfang des 20. Jahrhunderts zeigten sich Risse im Projekt der Pianischen Kirche, vor allem im Bereich der wissenschaftlichen Theologie. Das Lehramt griff mit einer Reihe von Dekreten ein und verhinderte die Aufnahme moderner Wissenschaftsmethodiken und moderner philosophischer Ansätze in die katholische Theologie. Man sah die Gefahr, dass Glaube und Kirche zu einem Folgeprodukt des religiösen Subjekts und zudem geschichtlich relativiert würden. Die katholische Theologie litt in ihrer wissenschaftlichen Reputation bis zum II. Vatikanum an dieser lehramtlichen Disziplinierung.
Die Hierarchie war dabei auch gesellschafts- und kirchenpolitisch motiviert. Dies belegt schon die Enzyklika Aeterni Patris Leos XIII. aus dem Jahre 1879 mit ihrer ungemein wirkungsmächtigen Empfehlung der thomistischen Philosophie. Die damals vollzogene kirchenamtliche Abkehr von der zeitgenössischen Philosophie, die man als «Subjektivismus» und «Relativismus» etikettierte und auf den «Phänomenalismus» Kants zurückführte, geschah – nach einer Äusserung Jacques Maritains – in der Annahme, dass «das Problem der christlichen Philosophie und dasjenige einer christlichen Politik nur die spekulative und praktische Seite ein und desselben Problems bilden» (De Bergson à Thomas d’Aquin, Paris 1947, 134f.).
Aber nicht nur in der wissenschaftlichen Theologie, auch in der institutionellen Struktur der Kirche wie in der Glaubenspraxis der Einzelnen lagerten Sprengsätze für die pianische Sozialform der Kirche. Denn deren relative Stabilität beruhte auf der Abwehr von Pluralitätsirritationen durch sehr spezielle, sehr heikle Balancen von Vereinheitlichung und kontrollierter Pluralisierung in Frömmigkeitsformen und kirchlichen Strukturen.
Jugendbewegung, Liturgische Bewegung, Ökumenismus und Bibelbewegung entstehen als von qualifizierten Basisminderheiten getragene Projekte, als der eigentliche, von der Universitätstheologie getragene «Modernismus» innerkirchlich vorerst kalt gestellt war. Sie entstehen als praktische Kritik der pianischen Sozialform von Kirche quer zu ihren fein austarierten Balancen.
(Rainer M. Bucher)
Die Rechte sämtlicher Texte sind beim Katholischen Medienzentrum. Jede Weiterverbreitung ist honorarpflichtig. Die Speicherung in elektronischen Datenbanken ist nicht erlaubt.


