Markus Baumgartner

Was Anker-Bilder erzählen

Ueli Tobler hat sich als langjähriger Pfarrer der Kirchgemeinde Ins BE intensiv mit Albert Ankers Bildern beschäftigt. Anker war auch ausgebildeter Theologe. Nun erforschte Tobler die Geschichten hinter den Bildern und stellte historische und theologische Zusammenhänge her – ebenso Parallelen zu seinem Leben. Daraus entstanden ist das Buch «Was Anker-Bilder erzählen».

40 Jahre lang wirkte Ueli Tobler in der Kirchgemeinde Ins BE als Pfarrer und Seelsorger. 2016 wurde er pensioniert. Der Autor und Wort-Werker, wie er sich selber nennt, begann 2010 sich mit Albert Anker (1831-1910) auseinanderzusetzen. Damals gedachte das Seeländer Dorf Ins des 100. Todesjahres des Malers. Dies motivierte Pfarrer Ueli Tobler zu einer Predigtreihe mit Anker-Bildern. «Das grosse Echo, das die Predigten auslösten, aber auch die ähnlichen Spannungsfelder in Ankers und meinem Leben ermutigten mich, mich mit der lang gehegten Idee eines Buchprojekts zu Anker ernsthaft zu beschäftigen», sagt Tobler dem «Bieler Tagblatt». 

Spannende Entstehung des Buches

«Ich lasse die Leute reden, gerade wie sie auf den Bildern sind, bei der Arbeit, bei einem Spaziergang oder auf dem Heimweg von der Kirche», sagte Ueli Tobler zur Lokalzeitung «Anzeiger von Kerzers». Der Autor erlaubt dank seinem Blick ins Atelier und in die Studierstube ein neues Verstehen der Darstellungen von Albert Anker. Dazu helfen die teils grossformatigen Bilder im Buch genauso wie die besprochenen Bildausschnitte. Unvermittelt sieht man sich konfrontiert mit Fragen, die Anker einst beschäftigten und die auch für uns kaum an Aktualität eingebüsst haben. 

Anker kennt man vor allem in der Schweiz. Zu seinen Lebzeiten war er ein führender Maler in Europa und wurde im Ausland als Experte hinzugezogen. Anker hat in Halle und Paris studiert, reist durch die Schweiz, besucht Wien, München und Berlin, Frankreich und Italien, ist Mitglied der internationalen Kunstjury in Berlin und München. Zeitlebens hat er sich mit dem christlichen Glauben, der Geschichte und der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Situation seiner Zeit kritisch auseinandergesetzt. Er kennt die sozialen Spannungen unter den Menschen, weiss, dass die beginnende Industrialisierung auch die ländliche Gesellschaft in einem Dorf nicht unberührt lassen wird. 

Mit seiner Lebenshaltung bringt er Städtisches aufs Land: Albert Anker ist bereits früh viel gereist, erst mit der Kutsche, später mit dem Zug. Er hat Hebräisch, Griechisch und Latein gelesen sowie Italienisch und Französisch gesprochen. Später kam noch Englisch dazu. Anker setzt sich für Bildung ein, gerade auch für die damals benachteiligten Mädchen. Er rühmt das Schreiben mit der Schreibmaschine, interessiert sich für Fotografie und die Entwicklung der Medizin. Als Politiker im Grossen Rat des Kantons Bern befürwortet Albert Anker viele dieser Entwicklungen und Veränderungen. 1900 wird Anker mit dem Ehrendoktor der Universität Bern ausgezeichnet.

«Mi Habersack isch packt»

Anker studierte Theologe und hat die Beziehung zu Theologie und Kirche nie aufgegeben. Ihm war das Christentum wichtig: «Schaut man sich seine Bilder genau an, zeigt sich, dass er die Bibel sehr gut kannte. Mir ist wichtig, diese Seite aufzuzeigen, da er zeitlebens Theologe geblieben ist», sagt Buchautor Ueli Tobler zum «Anzeiger von Kerzers». Zurückhaltend und diskret lässt Anker seine christlich reformierte Haltung im Bildwerk entdecken. Als er am 16. Juli 1910 am zweiten Schlaganfall stirbt, findet die Familie auf dem Nachttisch seine hebräische Bibel in der er wohl wie jeden Abend gelesen hat. Die dicke Bibel liegt seitdem im Atelier und ist wie anno 1910 immer noch aufgeschlagen beim Buch Hiob, Kapitel 5. Albert Anker hat sich auf seinen Tod vorbereitet: «Mi Habersack isch packt, i warte nume uf ds Kommando», schreibt er in einem Brief.

Kein «Schönwetter-Maler»

Albert Ankers Bilder sind weitherum ein Begriff. Sie hängen als Reproduktionen noch heute in vielen Schweizer Stuben. Einige mögen der Ansicht sein, Anker sei ein «Schönwetter-Maler». Er idealisiere mit seinen Darstellungen das harte Bauernleben im Seeland. Das ist jedoch nicht der Fall. Anker ist kein Maler der Idylle. Aus vielen Briefen ist ersichtlich, dass Anker die Armut und Nöte der Menschen seiner Zeit kannte, sie ernst nahm und teilnehmend begleitete. Selber verlor er zwei seiner Kinder. 

Ueli Tobler, «Was Anker-Bilder erzählen», 112 Seiten (mit zahlreichen Abbildungen), ISBN 978-3-03818-295-5; 49 Franken. www.werdverlag.ch 

Bild Quelle Wikipedia
7. Februar 2021 | 11:46
von Markus Baumgartner
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