Karin Reinmüller

Von Knackis, Süchtigen und Ordensleuten

Nicht in der Schweiz, aber in Weltgegenden, wo Ostermontag kein Feiertag ist, ist für diesen Sonntag die Emmaus-Geschichte des Paares, das auf dem Weg nach Emmaus dem Auferstandenen begegnet, als Evangelium vorgesehen. Diese Gelegenheit lasse ich mir nicht entgehen, um über meine Zeit mit der Emmaus-Bewegung was zu sagen, und darüber, was ich heute daran wichtig finde.

Es geht hier nicht um die von Abbé Pierre gegründeten Emmaus-Gemeinschaften, sondern um die von Jan Hermanns ins Leben gerufene Bewegung, die mit Gebetsgruppen in Gefängnissen begann. Jan Hermanns war ein Journalist, der sich nach eindrücklichen Erfahrungen in der Arbeit für eine Reportage über die «Jesus People» dem Glauben zuwandte, Sozialarbeiter wurde und begann, mit Gefangenen, die er, wie sie sich selbst, «Knackis» nannte, zu arbeiten. Zusammen mit ihnen und allerhand anderen schrägen Vögeln, ab und zu mal waren auch gesellschaftlich Integriertere dabei, gründete er Gemeinschaften mit ganz unterschiedlichen Arten von Verbindlichkeit, die gemeinsam haben, dass sie offen sind für Menschen, die nicht in bürgerliche Strukturen passen. Ich lernte ihn kennen in meiner frühen Christinnen-Zeit und lebte einige Monate in einer von ihm gegründeten Lebensgemeinschaft.

Eine der Grundideen Bruder Jans (der sich einer augustinischen Gemeinschaft angeschlossen hatte) ist, dass Menschen, die viele Jahre am Rand der Gesellschaft stehen, durch Kriminalität und Abhängigkeiten gehen, etwas anderes brauchen als eine normale Pfarrgemeinde ihnen geben kann. Dass sie ihren Glauben, wie auch ihr bisheriges Leben, intensiver, auch äusserlich entschiedener, leben müssen. Dass viele von ihnen eine Berufung zum Ordensleben haben, aber häufig nicht in einem existierenden Orden – so gehören zur Emmaus-Bewegung Ordensleute ohne kirchenrechtlichen Status. In unserer Gemeinschaft wurde viel und emotional gebetet. Einmal bin ich spät nachts mit einem Ex-Zuhälter zum Beten zu einer Kapelle gefahren, weil er einen «Ruf» dorthin verspürt hatte und der Meinung war, eine «Schwester» müsse ihn begleiten.

Heute würde ich das nicht mehr machen. Und auch sonst lebe ich heute meinen Glauben sehr anders, in vieler Hinsicht im Bürgerlichen angekommen. Was mir aber geblieben ist aus dieser Zeit: Die Überzeugung, dass unterschiedliche Menschen Unterschiedliches brauchen auf ihrem Weg mit Gott. Und dass wir kein Recht dazu haben, anderen unseren eigenen Weg vorzuschreiben. Ich erlebe heute, wie verurteilt wird, wenn Menschen die Kommunion selbst nach Hause nehmen wollen, von anderen, die sich selbst mit dem «eucharistischen Fasten» vielleicht leichter tun. Wie ein Bischof erklärt, Gottesdienste unter Auflagen könne er sich nicht als «heilsdienlich» vorstellen und sollten deshalb nicht stattfinden. Mir wäre lieber, wenn wir einander zugestehen könnten, dass wir Unterschiedliches brauchen, um Gott finden und mit ihm unser Leben gestalten zu können. Und richtig toll wäre, wenn wir, anstatt einander das Glaubensleben schwer zu machen, uns in unserer Untschiedlichkeit gegenseitig unterstützen könnten.

Bild: Tom Blackout auf unsplash.com
26. April 2020 | 21:07
von Karin Reinmüller
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