Karin Reinmüller

Von Gewinnern und Verlierern

Das Evangelium vom letzten Sonntag steht im Matthäus-Evangelium, Kapitel 10, Verse 37-42, lohnt sich zu lesen, meine Predigt dazu folgt etwas angepasst hier:

Ich möchte den Text gern von hinten aufrollen, also am Schluss anfangen.  »Wer einen von diesen Kleinen einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist» – als Sie diesen Satz eben gehört haben, was für ein Gedankenbild ist Ihnen da durch den Kopf geschossen oder schiesst Ihnen jetzt beim durch den Kopf? Das eines Menschen, der jemand anders einen Becher gibt – oder das von jemand, der Wasser gereicht bekommt? Mir kommt es auf die Perspektive an, und ich vermute, dass die meisten von uns spontan die Perspektive gesehen haben, die ich auch eingenommen habe, nämlich die der Gebenden. Das heisst, ich sehe mich selbst, Sie sich vielleicht auch, eher als eine, die anderen hilft als eine, die Hilfe von anderen braucht.

Nur: Die Perspektive des Textes, den wir gerade gehört haben, ist eine andere. Jesus spricht hier zu seinen engsten Mitarbeitern, den Aposteln, und dabei geht er klar davon aus, dass sie auf die Unterstützung  derjenigen angewiesen sein werden, zu denen sie gesandt sind. Sie können keine Wohnung mieten oder ein Gasthaus bezahlen, ebenso wie der Prophet Elischa in der Lesung sind sie darauf angewiesen, dass ihnen andere Unterkunft geben und sie versorgen. Keine einfache Position – etwas leichter wird sie dadurch gemacht, dass in beiden Fällen den Helfenden jeweils ein Lohn zugesagt wird, Elischa kann sogar selbst seiner Gastgeberin ein Kind versprechen. Wenn ich mich selbst erkenntlich zeigen kann, wenn ich wenigstens damit rechnen kann, dass diejenigen, deren Hilfe ich brauch, dafür ordentlich bezahlt werden, belohnt werden, ist diese Situation leichter auszuhalten.

Damit möchte ich zum Anfang des Textabschnitts übergehen. Der ist nicht ohne, Sie haben es vielleicht noch im Ohr «Wer Vater oder Mutter, Tochter oder Sohn mehr liebt als mich, wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt – der oder die ist meiner nicht wert». Das klingt schwierig. Denn Wertungen, erst recht von Menschen, versuchen wir ja gerade in der Kirche zu vermeiden, in der es darum geht, dass jeder einzelne Mensch für Gott unendlich wertvoll ist. Hier wirkt sich mal wieder etwas schwierig aus, dass wir im Gottesdienst die Bibel nur in winzigen Portionen zu hören bekommen und nicht im Zusammenhang. Denn in derselben Rede, nur wenige Verse vor dem heutigen Abschnitt, im Evangeliumsabschnitt vom letzten Sonntag, sichert Jesus den Aposteln zu, dass sie mehr wert sind als viele Spatzen, von denen keiner ohne den Willen Gottes vom Himmel fällt.

Der Wert jedes einzelnen Menschen ist also unbestritten. Aber der Spatz von dem Jesus gesprochen hat, fällt doch. Gott weiss, aber er verhindert nicht. Damit kommen wir, denke ich, dem Kern dieses Textes nahe: Wer sich dafür entscheidet, Jesus zu lieben, was immer das erstmal heissen mag, kommt in Konflikte. Bekommt vielleicht Streit mit Familienangehörigen und Freunden, verdient vielleicht weniger, kommt vielleicht in Situationen, wo er oder sie Unterstützung nicht geben kann, sondern selbst braucht. Jesus kann keinen Erfolg zusagen, weil Gott so nicht ist. Gott verhindert nicht, dass der Spatz vom Himmel fällt.

Was er kann, sagt Jesus in der Mitte des Textes zu – und klärt sich auch diese merkwürdige Aufforderung, Jesus zu lieben: Da heisst es: Wer das Leben findet, wird es verlieren, wer aber das Leben um meinetwillen, um Jesu willen, verliert, wird es finden. Das ist ein Satz wie ein Koan, ein rätselhafter, oft widersprüchlicher Satz, mit dem in manchen Richtungen des Zen meditiert wird. Offensichtlich gibt es verschiedene Weisen, Leben zu suchen – und manche davon führen zum Gegenteil, zum Verlust des Lebens. Auf diese Spitze laufen die Beispiele vorher und nachher zu: Es gibt die Möglichkeit, dass wir auf eine Weise leben, die dem Leben selbst widerspricht. Wir können so leben, dass wir unser eigenes Leben und das unserer Mitmenschen missachten – und damit die Möglichkeit eines erfüllten Lebens verlieren. Und umgekehrt: Ein erfülltes Leben ist möglich, indem wir Entscheidungen treffen, die uns zu VerliererInnen machen.

Das klingt abstrakt und braucht Konkretisierung, im konkreten Leben jeder einzelnen von uns. Lassen Sie sich vielleicht in den nächsten Tagen mal zeigen, wo Sie Leben finden können, indem Sie es verlieren.

Bild: joshua Golde auf unsplash
29. Juni 2020 | 17:38
von Karin Reinmüller
Teilen Sie diesen Artikel!