Walter Ludin

Von der Orthodoxie lernen

Oder auch nicht?Der Ostkirchenspezialist Iso Baumer hielt kürzlich in Solothurn einen bemerkenswerten Vortrag über die Umbrüche in der (römisch-)katholischen Kirche. Daraus heute ein erster Abschnitt: Die römische Kirche hat dank dem II. Vatikanum in der Eucharistie mehr die zeitliche Dimension eingebracht, sie ist nicht mehr wie früher auf die Wandlung zugespritzt. Aber noch immer geschieht die Wandlung genau bei den entsprechenden Worten – heute wieder häufig magisch über die Gaben hingehaucht -, während in den orientalischen Kirchen durch die ganze Eucharistiefeier hindurch sich der Vorgang der Wandlung der Gaben durchzieht und nur in der Epiklese, dem Gebet um die Herabkunft des Heiligen Geistes, sich abschliessend und zusammenfassend kundtut. Und so ist auch die Beichte mehr ein gesamt-geistlicher Vorgang als eine Handlung, die in der Lossprechung kulminiert, wo der Priester übrigens nicht sagt: Ich spreche dich los, sondern: Der Herr spreche dich los… Noch immer ist das Ehesakrament unverrückbar ein für alle Male festgenagelt, eine missratene Ehe kann nicht geschieden werden, und wenn ein zivil geschiedener Katholik wieder heiratet, ist er von den Sakramenten ausgeschlossen, während in den orientalischen Kirchen eine zweite und meist auch dritte Ehe geschlossen werden kann. Die katholische Kirche sagt: «punktum» – die orientalische: «sehen wir zu». Sie kennt sehr wohl die akribische Genauigkeit, aber auch die ökonomische Offenheit zugunsten des Gläubigen.————————————————Bekanntlich stellte Benedikt XVI. in Deutschland fest, eine Annäherung an die Orthodoxen Kirchen sei in absehbarer Zeit denkbar. Ob wir dann die oben genannten Eigenheiten der Ostkirchen übernehmen dürfen? Wahrscheinlich war es so nicht gemeint …

12. Januar 2012 | 02:09
von Walter Ludin
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