Bettina Flick

Vom jüdischen Volk als angebliche «Gottesmörder» und der Einbürgerung eines Imam

14Ihr aber habt den Heiligen und Gerechten verleugnet und die Freilassung eines Mörders gefordert.  15Den Urheber des Lebens habt ihr getötet. (Apg 3, 14, 15a)

Mit diesen Worten wendet sich Petrus in der heutigen Lesung an seine jüdische Zuhörerschaft in Jerusalem. Er gibt ihnen eine Kollektivschuld am Tod Jesu, auch wenn er fortfährt, dass dies Gott nicht aufgehalten hat, ja sogar benutzt hat, um Heil zu bringen:

aber Gott hat ihn von den Toten auferweckt. Dafür sind wir Zeugen. 17Nun, Brüder, ich weiß, ihr habt aus Unwissenheit gehandelt, ebenso wie eure Führer. 18Gott aber hat auf diese Weise erfüllt, was er durch den Mund aller Propheten im Voraus verkündigt hat: dass sein Messias leiden werde.  (Apg 3, 15b, 17f)

Bibelstelle wie diese haben in der langen Geschichte des Christentums zum Judenhass geführt. Als «Volk der Gottesmörder» wurden sie angesehen und so hat das Christentum eine Teilschuld an den Judenverfolgungen der letzten 2 000 Jahren. Mein Vater hat es noch so gelernt im Religionsunterricht: «Die Juden haben Jesus umgebracht, deshalb müssen wir sie verachten.» Als ich Theologie studierte, fragte er mich einmal: «Stimmt es wirklich, dass Jesus Jude war? Das hat kürzlich ein Pfarrer in der Predigt behauptet. Aber wenn Jesus doch Jude war, dann können wir das Judentum doch gar nicht verachten?!» Die Tatsache, dass auch Jesus Jude war, liess ihn von seinem gemachten Bild des Judentums abrücken.

Es ist sicher auch heute noch viel Arbeit zu leisten, um den Antisemitismus zu beenden.

Und zugleich tritt ein neues Feindbild hervor: Der Islam. Wir in den westlichen Gesellschaften sind in der Gefahr, die Religion des Islam mit dem radikalen Islamismus gleichzusetzen und quasi allen Muslimen und Musliminnen Schuld zu geben am islamistischen Terror.

Voll Erstaunen und Erschrecken verfolge ich die Diskussionen um die Einbürgerung von Bekim Alimi, einer der wohl bekanntesten Imame der Schweiz. Seit 20 Jahren lebt er in Will, engagiert sich für die Integration, für den interreligiösen Dialog, für einen Islam, der hier in der Schweiz mit unseren Grundrechten übereinstimmt. Im Vorfeld seiner Einbürgerung bekam er einen Fragekatalog von einer grünen Politikerin vorgelegt – er hat die Fragen souverän beantwortet, nicht ohne anzumerken, dass er diese öffentliche Diskussion als demütigend empfindet. Heute abend wird im Wiler Stadtparlament über seinen Antrag entschieden. Ich hoffe ganz fest, dass er eingebürgert wird und die Wiler Bevölkerung ihn willkommen heisst als einen der ihren – was er schon lange im Herzen ist.

Was sich rund um diese Einbürgerungsdebatte zeigt, hat für mich sehr viel zu tun mit den gleichen Mechanismen, wie sie im Antisemitismus aufscheinen: Einem ganzen Volk, einer ganzen Religion eine Kollektivschuld zuweisen und eine Sündenbock-Mentalität zelebrieren, statt sich für Integration, für die Würde jedes Einzelnen zu engagieren.

Unterstützen wir Menschen wie Bekim Alimi, die ihren Glauben leben, auch wenn er uns vielleicht fremd ist, und als freie Schweizer Staatsbürger unser Land mitprägen wollen mit den Werten, die sie mit uns teilen!

 

 

 

Jerusalem – Stadt der drei Weltreligionen | © Bettina Flick
5. April 2018 | 13:53
von Bettina Flick
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