Philip Steiner

Vom Abschied nehmen

Meine Zeit hier in St. Meinrad neigt sich dem Ende zu. Bereits am kommenden Dienstag, 14. Mai, werde ich wieder Schweizer Boden unter den Füssen haben. Ich freue mich sehr auf das Wiedersehen mit meiner Familie und den Augenblick, wenn ich mit meinen Mitbrüdern zum ersten Mal wieder im Chor der Einsiedler Klosterkirche Gott loben darf.
Doch ist diese grosse Vorfreude nicht das einzige Gefühl, das mich zurzeit bewegt. In die Vorfreude mischt sich in diesen Tagen nämlich auch Abschiedsschmerz, heisst es doch in diesen Tagen, Abschied zu nehmen von den Mönchen von St. Meinrad, mit denen ich während neun Monaten das Leben geteilt habe; von den Dozenten, die mir so vieles für den zukünftigen Dienst als Priester und Seelsorger mitgegeben haben; von den Seminaristen, die mich mit ihrer Glaubensfreude angesteckt haben; und von einem Land, das mich mit seiner Schönheit und seinem Facettenreichtum immer wieder überrascht hat.
Zwar wird es mit vielen Mönchen und Seminaristen früher oder später ein Wiedersehen geben (mit ziemlicher Sicherheit in Einsiedeln!), doch in vielen anderen Fällen wird der Abschied wohl definitiv sein. Da ist zum Beispiel Father Gavin, der mir in beinahe heroischer Geduld mehrmals in der Woche Englischunterricht erteilt hat und an den Rollstuhl gebunden ist. Oder Father Mel, der in der klösterlichen Pflegestation lebt und mit seiner Lebensfreude und Dankbarkeit Zeugnis von einem erfüllten monastischen Leben gibt.
Sie und viele andere Menschen haben meinen Aufenthalt hier in den Vereinigten Staaten zu einer Zeit des Segens gemacht, wofür ich unglaublich dankbar bin.
Auch wenn der Abschied nicht leicht fällt, als Christen haben wir den Trost einer bleibenden Verbundenheit. Wir gehören zu einer Gemeinschaft des Glaubens und bekennen den einen Herrn, der uns alle an sich zieht. Und wenn wir Ihm nahe sind, dann sind wir es auch zueinander.
fr. Philipp

Zum Bild: Bei einer Pilgerandacht am ersten Sonntag im Mai konnte ich vor der Marienkapelle auf «Monte Cassino» die Predigt halten. Der kleine Wallfahrtsort liegt nahe St. Meinrad und ist im Mai und Oktober ein beliebtes Ausflugsziel.

11. Mai 2013 | 15:48
von Philip Steiner
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