Bruder Klaus und Gefährten

Visionen? Ein Versuch zur Klärung

«In jener Zeit waren Visionen selten.» Mit diesem Satz können wir auch heute gut leben. Aus ihm spricht ein gesunder Realismus. Man lebt im Glauben an Gott, rechnet aber nicht wirklich mit seinem aktiven Eingreifen. Und dennoch wird genau mit diesem Satz eine Berufungsgeschichte eingeleitet, in der Gott im Schlaf einen Jungen ruft. Es ist Samuel. Er missversteht das Ereignis zuerst als Weckruf seines Meisters Eli. Dieser versteht beim dritten Mal, dass es wohl der HERR ist, der Samuel ruft und leitet diesen an, entsprechend zu antworten.

Diese typologische Berufungsgeschichte in 1 Sam 3 kann in vielen Aspekten als Deutungsfolie für den geistigen Weg des Niklaus von Flüe dienen. Der entscheidende Punkt scheint mir der zu sein, dass wir tatsächlich mit Gott rechnen in unserem Leben.

Der «redet» zu uns, wie wir es verstehen. Die Rezeptionsebene des sensiblen, des Lesens unkundigen Berglers, seine «Sprache», waren wohl Visionen, wie immer man sich die vorzustellen hat.

So weit, so fromm. Aber heute?

Weit verbreitet meine ich eine Art «Aufklärungs-Dreischritt» wahrzunehmen. Der geht in etwa so:

1.      Niklaus von Flüe deutete seine Visionen damals als Zeichen Gottes.

2.      Das Weltbild hat sich gewandelt. Seit Aufklärung, Religionskritik und Sigmund Freud sehen wir diese Dinge anders.

3.      Ergo: Niklaus von Flües Visionen waren nichts anderes als innere Bilder; durch existentielle Krisen und Anfragen hervorgerufene Projektionen.

Von da ist es nicht mehr weit, jegliche Behauptungen von direkter Kommunikation Gottes mit Zeitgenossen («Gebet»; «Berufung») als unaufgeklärt abzutun.

Aber spricht denn Gott heute nicht mehr zu uns?

Der dritte Schritt ist ein falscher Schluss deshalb, weil Gott in unserer Welt jetzt plötzlich nicht mehr vorkommen soll. Existentieller Krisen und Anfragen mögen gewesen sein im Leben von Niklaus. Projektionen auch. Bei wem nicht? Aber theologisch ist doch bis heute daran festzuhalten, dass Gott in mein Leben einwirkt. Wenn ich ihm denn zuhöre. Er bedient sich bei mir bloss anderer Mittel und Wege: meiner Sprache nämlich. 

 Fr. Peter Spichtig op

 

Literatur: Spichtig-Nann, Margrit (2001) / Spichtig, Alois: Bruder Claus von Flüe: Erleuchtete Nacht. Holzschnitte zu seinen Visionen von Alois Spichtig; mit Texten von Margrit Spichtig. Hrsg. und eingeleitet von Gertrude und Thomas Sartory. Freiburg CH.

Alois Spichtig (1927–2014), Holzschnitt 1981: Die Vision von den vier Lichtern. (Scan: PS)
5. Mai 2017 | 06:28
von Bruder Klaus und Gefährten
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