Viele von uns waren einige Wochen Ausländer
Für die meisten sind die Ferien vorbei. (Allerdings für mich nicht: Ich reise erst Ende September nach Kreta als Tourist und Touristenseelsorger, zum 30. Mal.) Eine nachdenkswerte Kolumne zum Ferienende schrieb Jens Mayer, Pfarrer in Balgach.
«Manchmal sind wir gerne Ausländer»
Die Ferien sind vorbei, der Schulalltag beginnt für die meisten Familien, und auch in den Betrieben und Firmen pendelt sich der gewohnte Alltag so langsam wieder ein. Aber noch sind wir ganz erfüllt von unseren Auszeiten, erzählen von den Urlauben in der Schweiz, in Europa oder gar in Übersee. Und in vielen Berichten taucht auf, wie herzlich die Menschen dort sind, wie freundlich und fröhlich es zugeht und wie wenig doch an unsere so gewohnte Schweiz erinnert.
Die Bilder, die mir gemalt werden, leuchten zumeist in den hellsten Farben. Als Gäste sind wir gern gesehen und werden zuvorkommend behandelt. So sind wir gerne als Ausländer auf Zeit unterwegs, denn wir wissen ja, dass wir unsere Heimat bei unserer Rückfahrt wieder sicher vorfinden.
Dass nicht alle Ausländer so freundlich empfangen werden und auch wir selbst ja unsere Mühe damit haben, dass fremde Menschen bei uns sind, wissen wir nicht erst seit den überfüllten Flüchtlingsbooten im Mittelmeer und der Debatte um die sogenannte Masseneinwanderung.
Die Frage, wie mit Ausländern, mit Fremden umzugehen ist, hat schon die Menschen zu Zeiten der Bibel beschäftigt. In vielen biblischen Geschichten wird deutlich, dass Fremde entweder als Bedrohung oder als Freiwild verstanden wurden, aber auf keinen Fall hatten sie gleiche Rechte wie Einheimische.
Und genau dagegen stellt sich unser Glaube. Dies wird besonders in der Geschichte vom Fall von Sodom und Gomorra thematisiert. Die beiden Städte werden von Gott zerstört, weil sie das Lebensrecht des Fremden nicht achten. Als die Engel Gottes die Stadt betreten, wollen deren Bewohner ihnen Gewalt antun.
Nur durch Lots Einschreiten entgehen sie ihrem Schicksal. Der Rest ist bekannt: Die beiden Städte werden zerstört, nur Lot überlebt – und wird selbst zum Fremden.
Der Schutz der Fremden und Schwachen, er ist uns explizit mit auf unseren Weg gegeben. Wir sollen und müssen darauf achten, dass dem Gast bei uns das Gastrecht auch wirklich zuteil wird. Deswegen sollen wir ruhig das Privileg geniessen, im Urlaub in der Fremde willkommen zu sein, aber auch nicht vergessen, dass wir selbst auch immer wieder von Fremden besucht werden, manchmal ohne es eigentlich zu wollen.
Doch auch dann gilt, was eigentlich nach unserem Glauben selbstverständlich sein sollte: Schütze jene, die es nötig haben, sei höflich zu denen, die freiwillig kommen und behandle sie so, wie du im Ausland behandelt werden willst, mit Anstand, Respekt und Menschlichkeit.
Im Schweizer Jubiläumsjahr 1992, von den Kirchen als Halljahr gefeiert, war ich in der Redaktion von Printmedien zu diesem Anlass. In einer Dokumentation habe ich eine Karikatur eingestreut. Zwei Frauen unterhalten sich: «So viele Ausländer!!» «Im Ausland soll es noch schlimmer sein.»
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