Walter Ludin

Verfügt Herr Müller im Vatikan über die volle, ewige, unveränderliche Wahrheit?

Er ist sicher, die Wahrheit zu besitzen. Schliesslich arbeitet er im Auftrag des Papstes, der ja unfehlbar ist: Kardinal Müller, Chef der Glaubenskongregation. Seine Missachtung des «Glaubenssinns der Gläubigen» trägt ihm vor allem in Deutschland viel Kritik ein.
Der Münchner Dogmatiker und Priester Bertram Stubenrauch erinnert daran, dass Offenbarung eine dialogische Wirklichkeit sei: «Das Wort Gottes findet Antwort im Nachdenken der Glaubenden, was immer aus einer bestimmten Lebenssituation heraus geschieht.»
Stubenrauch verwies jetzt darauf, dass Dogmen nicht als ausgefeilte Glaubenssätze vom Himmel gefallen seien. Vielmehr seien sie das Produkt kirchlicher Diskussionen, in denen sich immer auch Lebens- und Denkweisen der jeweiligen Zeit spiegelten. Wer den Glaubenssinn der Getauften «auf blossen passiven Gehorsam gegenüber amtlichen Verlautbarungen reduziert, missachtet die geistliche Kompetenz des Gottesvolkes». Die Dogmatik dürfe auch nicht die Hoffnung auf die Barmherzigkeit Gottes verdunkeln. Es müsse erlaubt sein zu fragen, wie viel an Lehre notwendig sei, um etwa die Ehe als Ideal zu schützen.
Bei der Bischofsvollversammlung in Hildesheim Ende Februar hatte unter anderem der Vorsitzende der Pastoralkommission der Bischofskonferenz, Osnabrücks Bischof Franz-Josef Bode, mit Blick auf die bevorstehende Synode betont, katholische Lehre und Leben dürften nicht isoliert voneinander gesehen werden. Eine historisch wichtige Grundfrage der Synode sei es, ob die Realität der Menschen eine Quelle für die Lehre der Kirche sein müsse.
Nochmals Stubenrauch: «Auch die Verantwortlichen für das universalkirchliche Lehramt urteilen aus bestimmten theologischen Prägungen heraus und haben kein unvermitteltes Wissen um die göttliche Wahrheit.»
PS. Sicher,  christliche Moral und Lehre basieren nicht auf Umfragen, die unkritisch übernommen werden. Wenn aber beispielsweise – sagen wir mal – 80 Prozent der Befragten sich wehren, dass der Zugang zur Eucharistie weniger gilt als der Pflichtzölibat, sollten die Hierarchen aufhorchen.
 

15. April 2015 | 01:24
von Walter Ludin
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