Beatrice Mock

Verbindungen

Bei einer Computerpanne in unserer Redaktion verlassen sich jeweils alle voll auf den Webmaster. Dieser hat umgehend eine Notfallanleitung erstellt und sie – als bekennender Verfechter des papierlosen Büros – auf das Netz gestellt, so dass wirklich nichts mehr passieren kann.
 
Als unlängst eine Kupferleitung im Zürcher Enge-Quartier durch einen militanten Bagger gekappt wurde, wurde die Internetverbindung unterbrochen. Ich habe nichts gegen papierlos, dennoch hätte mir damals eine Papierversion des Notfallplans besser gedient. Da weder Skype, Mail, facebook noch unser hypermodern-inter-nettes Telefon zur Verfügung stand, blieb allein die Funkverbindung meines guten alten Prepaid-Tastenhandys für einen Notruf an unseren Webmaster. Das klappte etwa drei Minuten tiptop, dann war das Geld aufgebraucht und die Verbindung unterbrochen. Es blieb nur noch eins: Ich ging zu unseren Büro-Nachbarn und bat sie, auf ihrer alten – nicht internetten – Telefonanlage einen Anruf tätigen zu dürfen. Was sie mir netterweise gestatteten.
 
Es gibt heute sehr viele Möglichkeiten, miteinander zu kommunizieren. Schriftlich, mündlich, bebildert, mittels Filmchen, SMS, virtuellen Postkarten. Durch die Verbindung zum Internet ist alles möglich: Überflüssiges oder Nützliches kann jeder einsehen, der mit dem World Wide Web verbunden ist, unabhängig von Tageszeit oder Aufenthaltsort. Trotz dieser Unabhängigkeit ist man extrem abhängig vom Internet. Wer es sich nicht leisten kann, verpasst den Anschluss und verschwindet aus unserer Wahrnehmung. Zudem gibt es in unseren Breitengraden ein neues Problem: Nicht wenige Eltern und Pädagoginnen machen sich ernsthafte Sorgen, dass vor lauter Bildschirmgucken die Fähigkeit, mit anderen Menschen leibhaftig in Beziehung zu treten, auf der Strecke bleibt.
 
Nur gut, fällt ab und zu das Netz aus. So gesehen erscheint der Kupferkabelkappende Baggerführer in einem ganz anderen Licht. Es könnte sich um eine versteckte Massnahme des Zürcher Sozialdepartements handeln.

18. Juni 2013 | 13:59
von Beatrice Mock
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