Pater Martin Werlen

Unerhört

Eine unerhörte Bitte kann eine Bitte sein, die von Gott nicht erhört wird. Sie kann aber auch eine skandalöse Bitte sein. Beide Bedeutungen finden wir in der Heiligen Schrift. An einer Stelle sind sie sogar in derselben Situation da: Zwei Jünger erbitten einen besonderen Platz im Himmel (Mk 10,37). Eine unerhörte Bitte! Zumindest empfinden das die anderen (Mk 10,41). Jesus weist die Bitte zurück. Sie bleibt eine unerhörte Bitte.

Es gibt auch heute unerhörte Bitten – mit beiden Bedeutungen: zum Beispiel die Bitte, Gott möge viele junge Menschen zum Priestertum berufen. Sie bleibt in vielen Regionen der Welt offensichtlich unerhört. Es ist aber auch eine skandalöse Bitte. Es könnte ja passieren, dass plötzlich junge Frauen kommen und behaupten, sie würden den Ruf Gottes zum Priestertum vernehmen. Also die Bitte so formulieren, dass es für Gott klar ist, wen er berufen darf! Unerhört darf sie auf jeden Fall nicht bleiben.

Eine weitere unerhörte Bitte mit beiden Bedeutungen: Jesus richtet sie an alle, die ihm nachfolgen. Sie ist skandalös und von den Getauften weitgehend unerhört. Sie steht übrigens im Zusammenhang mit der unerhörten Bitte nach Ehrenplätzen. Jesus stellt das Machtgehabe dieser Welt dar und bittet eindringlich: «Bei euch aber soll es nicht so sein» (Mk 10,43). Jesu Macht ist die Ohn-Macht – von der Krippe bis zum Kreuz. Jesus geht mit seinem Beispiel voran und legt diese Haltung allen ans Herz, die ihm nachfolgen. Das ist evangelisch, orthodox und katholisch im tiefsten Sinn dieser großartigen Begriffe. Ökumenisch ist aber leider auch die Versuchung, die Bitte Jesu unerhört zu lassen. Als unerhört empfinden wir sie meistens nicht einmal. Wir überhören sie.

Vorstöße, dieser Bitte Jesu als Kirche zu entsprechen, werden abgewiesen mit der Bemerkung, dass das Kirchenpolitik sei. Prophetische Aufrufe zur Umkehr werden mit dem Vorwurf der Angleichung an den Zeitgeist niedergeschmettert. Dabei geht es um Jesu eindringliche und klare Bitte. Da wäre Entweltlichung wahrhaft angebracht. Und genau das wird zu verhindern versucht, wenn gemahnt wird, die sexuellen Übergriffe dürften nicht für Reformen instrumentalisiert werden. Übergriffe haben immer mit Missbrauch von Macht zu tun. Immer!

In den vergangenen Jahrzehnten wurde der Kirche viel Macht genommen, die sie seit Jahrhunderten hatte – Macht über Menschen. «Bei euch aber soll es nicht so sein.» Für die wachsende Ohn-Macht sollten wir dankbar sein. Sind die Zeichen, die Gott uns gibt, nicht deutlich genug? Viele drängende Fragen können angegangen werden, wenn wir uns vom gewohnten Machtgefüge verabschieden und uns am Evangelium orientieren. Das bewegt unsere Herzen, aber auch die Strukturen. Die synodale Dimension, die wesentlich zur Tradition der Kirche gehört, wurde über Jahrhunderte – wegen der Machtfrage – außer Acht gelassen. Die Machtfrage lässt uns «die eine Taufe» mit Worten bekennen und zugleich mit dem Leben bezeugen, dass es verschiedene Taufen gibt. Papst Franziskus muss zugeben, dass die Frau als zweitklassig angesehen wird. Dafür trägt leider auch die Kirche große Verantwortung. Wenn wir unsere Berufung als Getaufte tatsächlich leben würden, könnten wir in allen Kulturen zur Wahrung der gleichen Würde beitragen – früher und heute.

Der heilige Paulus bringt die umwerfende Kraft der Taufe unübertrefflich auf den Punkt: «Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus» (Gal 3,27-28).

(aus: Heft «Macht und Kirche» der Zeitschrift «Bibel und Kirche» 2/2019. 107f.)

15. September 2019 | 08:22
von Pater Martin Werlen
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