Walter Ludin

Übertreiben wir es mit dem Konsum?

In Indien besuchte ich Einfamilienhäuser, welche die dortigen Kapuziner mit Unterstützung der Schweizer Brüder für ihre Angestellten gebaut hatten. Es waren schlichte Behausungen, aber immer noch viel, viel besser als die klapperigen Hütten, in denen die Leute vorher gehaust hatten.
Mir fiel die äusserst schlichte «Inneneinrichtung» auf. Im Schlafzimmer lagen Strohmatten auf dem Boden. An der Wand hingen ein paar wenige Kleidungsstücke. In der Küche waren an Haken zwei drei Töpfe aufgehängt. In einem offenen Wandschrank lagen einige Teller und ein, zwei Messer. Gabeln gab es nicht, da man in Indien traditionell mit den Händen isst – auf dem Boden sitzend, so dass es weder Stuhl noch Tisch braucht …
So einfach lässt sich der Hausrat einer armen indischen Familie beschreiben. Stellen Sie sich vor, Sie müssten alles aufzählen, was in einem durchschnittlichen Schweizer Haushalt zu finden ist! Raten Sie mal, wie viele Gegenstände hier gestapelt werden … Fachleute sprechen von 20 000! Übertrieben? Vielleich! Doch wer zügeln muss, stellt mit Schrecken fest, was sich im Laufe der Jahre alles angesammelt hat.
Massloser Konsum
Sicher müssen wir uns nicht auf das Niveau einer armen indischen Familie herablassen. Aber: Übertreiben wir es nicht oft mit dem Konsum? So sehr, dass dieser zum Phänomen des «Konsumismus» ausartet? Worunter ein übertriebener, ja unsinniger Konsum zu verstehen ist. In den letzten Jahren erschien eine ganze Reihe Bücher dazu; z. B. von meinem Schulfreund Franz Hochstrasser (s. untenstehende Kurzbesprechung!).
Die Kritik am masslosen Konsumieren ist nicht neu. Bereits 1899 prangerte ein amerikanischer Soziologe den «demonstrativem Verbrauch» der Oberschicht in den USA an. Darunter verstand er ein Verbraucherverhalten, das weit über die Erfüllung der notwendigen Bedürfnisse des Alltags (»Primärbedürfnisse») hinausgeht und in erster Linie der Steigerung des Sozialprestiges dient.
Haben statt sein
20, 30 Jahre später entstand ein konsumorientierter Mittelstand, zuerst wiederum in den USA, dann in Europa: «Die rasante Technikentwicklung und das wachsende Angebot von Konsumartikeln (vor allem Haushaltsgeräte, Radios und Autos) liess die Verbraucher nach immer neueren Waren streben.» (Im Internet: Wikipedia) Neuerdings werden zum Beispiel Jugendliche aufgefordert, möglichst jedes Jahr ein neues Handy – oder wie die Dinger heissen mögen – zu kaufen. Und es tritt ein, was Erich Fromm bereits 1976 festgestellt hat: Haben wird wichtiger als sein.
Wie kommen wir aus dem Kreislauf des Immer-mehr-Habens heraus? Dazu Franz Hochstrasser kürzlich in seinem Vortrag im Romerohaus: Am Anfang steht die Sensibilisierung für die wahren Bedürfnisse: Was ist nötig? Was wäre schön zu besitzen? Was brauche ich nicht? Der Blick in den Kleiderschrank wäre dafür eine gute Übung ….
Fortsetzung folgt übermorgen mit konkreten Tipps

19. Oktober 2014 | 01:40
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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