Über Glaubenswahrheiten können wir nur «spekulieren»
«Jeder religiöse Satz ist letztlich eine Spekulation. Und darum tut es mir leid, wenn Fundamentalisten so an Formulierungen kleben …» So sagt Georg Schmid im Interview mit «reformiert.» Ausgangspunkt ist das Glaubensverständnis der Leitung des Bistums Chur. Ich möchte den dortigen Herren nicht zu viel Ehre antun (nachdem sie schon am Freitag in meinem Blog gewürdigt wurden). Aber Schmids Äusserungen sind unabhängig vom äussern Anlass sehr bedenkenswert. (Ein Auszug)
Müssen sich kirchliche Wahrheiten im Laufe der Zeit denn nicht verändern? Bischofsprecher Gracia behauptet im Interview mit der Südostschweiz sinngemäss: Glaubenswahrheiten kämen von Gott und seien unveränderlich, denn sonst machten sie keinen Sinn. Die Wahrheit im Christentum ist der Christus. Der Christus des Johannesevangeliums sagt: «Ich bin die Wahrheit.» Wahrheit ist also eine Person. Wahrheiten, die eine Kirche formuliert, sind immer Worte. Keine einzige christliche Formulierung ist unveränderlich oder ewig. Das sieht man bereits im Neuen Testament: Wahrheit wird auf ganz verschiedene Arten ausgedrückt. Was wir sagen, ist veränderlich. Was dahintersteckt, Gott, das ist unveränderlich. Und das steht so im Neuen Testament? Paulus sagt in 1. Korinther 13: «Alles was wir jetzt sehen, sehen wir wie durch einen Spiegel. Aber einmal werden wir erkennen, wie wir erkannt worden sind.» Durch einen Spiegel schauen heisst spekulieren. Speculum auf Lateinisch ist der Spiegel. Jeder religiöse Satz ist letztlich eine Spekulation. Und darum tut es mir leid, wenn Fundamentalisten so an Formulierungen kleben und damit auch ausschliessen: Wenn Du nicht so und so glaubst, bist Du kein Christ. Oder kein Moslem. Aber solche Sätze hört man immer wieder. Ja, und das tut mir sehr leid. Solche Menschen meinen genau zu wissen, was Christentum ist oder der Islam. Das hat etwas Wortklauberisches: Der typische Fundamentalist, im negativen Sinne, klebt an einem heiligen Vokabular. Werden diese heiligen Worte gesagt, dann gehört einer dazu, kommen sie nicht, ist der andere ungläubig.
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