Heinz Angehrn

Trilogie zum Umgang mit «heiligen Texten» II

II – Das Problem: Jede «heilige Schrift» ist Weltliteratur, hat diesen Titel erworben durch ihre Bedeutung im geschichtlichen (Zusammen)Wachsen der Menschheit. Unsere Bibel ist darum ebenso Weltliteratur wie etwa (ich bin Europäer und kann nur diese Sicht einbringen) Goethe, Shakespeare, Molière, Cervantes oder Dürrenmatt. Entscheidend beim einem ehrfürchtigen und anständigen Umgang mit jeder Art von Weltliteratur ist nun die schwere doppelte Aufgabe: – den Originaltext in seinem sprachlichen wie gedanklichen Sinn nicht im Geringsten zu verändern, sondern ihn so belassen, wie er geschrieben wurde – aber doch in jeglicher Übersetzung ihn in der verwendeten Sprache so wiederzugeben, dass er überhaupt noch verstanden werden kann. Man vergleiche dazu etwa Swetlana Geiers Neu-Übersetzungen von Dostojewskij oder dieselbe Arbeit von Frank Günther am Werk des Barden aus Stratford upon Avon.

Was für Shakespeare gilt, gilt auch für die Bibel. In der klassischen Literaturwissenschaft ist das meist kein Problem, in der Theologie aber schon. Da schleicht dann schnell die Ideologie durch die Gemäuer und will den Originaltext nicht nur adäquat übersetzen, sondern ihn umbiegen und umdeuten. Entscheidend ist plötzlich nicht das exakte Handwerkmaterial der Literaturwissenschaft, sondern der sogenannte Zeitgeist. Etwa so tolle Argumente wie: «Das kann man heute doch nicht mehr so schreiben». Wann war das ein nur irgendwie vernünftiges Kriterium? Wenden Sie das mal auf den «Besuch der alten Dame» an. Der ganze sarkastische Zauber dieses Meisterwerkes wäre auf der Stelle tot.

13. September 2017 | 06:00
von Heinz Angehrn
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