Walter Ludin

Tra-lali-ah-oh in der altehrwürdigen Stiftskirche

 
Musikwissenschaftler meinen, es gäbe wohl kaum einen Sprachraum, der wie der deutsche so strikte unterscheide zwischen E-Musik und U-Musik; E für ernst, U für Unterhaltung. Man kann wohl analog distinguieren zwischen Kirchenliedern und «weltlichen» Gesängen. Oder vielleicht doch nicht, wie die folgenden Beispiele vermuten lassen.
Im Rahmen ihrer Generalversammlung pilgerten die Äbte und Provinziale der Schweiz nach St. Ursanne. Auf dem Liedblatt stand u.a. das feierliche Sanctus aus der Schubertmesse, die jedes ältere Kirchenherz nostalgisch höher schlagen lässt. Wer wollte behaupten, dieser Gesang sei kein Kirchenlied? Aber halt! Kleingedruckt steht darunter die Quelle: Stammtischmusik.at. Ein Blick ins Internet und schon weiss man, dass unter dieser Adresse «Volksmusik fürs Wirtshaus» versammelt ist.
Für den gleichen Anlass hatte am Frühstückstisch ein origineller Mensch den Höhern Ordensobern ein Blatt mit dem «Echo de Saint-Ursanne» in die Hände gedrückt. Sie möchten es bitte üben. Wofür sie begreiflicherweise keine Zeit hatten. Wer dann auf der Fahrt vom Versammlungsort Delsberg zum Pilgerort St. Ursanne einen Blick auf das Blatt warf, zweifelte, ob der Gesang in der altehrwürdigen Stiftskirche am richtigen Platz wäre. Denn die zweite Seite ist zu Zweidritteln gefüllt mit dem Refrain «Tra-lali-ah-oh Tra-lali-ah-oh …»
Das Lied gelangte am Schluss der Messe trotzdem zur Aufführung. Allerdings ging beim Tralalieren den hohen Herren der Schnauf aus.

25. Juli 2014 | 01:32
von Walter Ludin
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