Konzilsblogteam

Thomas Halíks Beobachtungen in der Schweiz (IV)

1988, noch vor der Wende in der Tschechoslowakei, konnte Tomáš Halík eine Dienstreise in die Schweiz unternehmen. Anlass dazu bot die Einladung von emigrierten Studienkollegen zu einem Kongress von Psychotherapeuten in Zürich, was vom Regime erlaubt wurde. Halík nutzte die drei Wochen intensiv und erlebte dort auch einiges:
«Zur Zeit meines Aufenthaltes in der Schweiz fanden gerade zwei Ereignisse statt, welche die Entwicklung der katholischen Kirche nicht nur in der Schweiz geprägt haben. Zum Bischof von Chur wurde Monsignore Haas ernannt, von dem bekannt war, dass er zu den extremen Konservativen gehörte und dass seine Weihe die Spannung innerhalb der Schweizer Kirche auf die Spitze treiben würde (…). Darauf folge die Nachricht über die Entscheidung des traditionalistischen Erzbischofs Marcel Lefebvre, vier neue Bischöfe ohne Billigung des Vatikans zu weihen, was dessen Exkommunikation sowie ein offenes Schisma bedeutete.
Ich hatte viel von Ecône gehört, Lefebvres traditionalistisches Seminar und Hauptstandort der Widersacher des Zweiten Vatikanischen Konzils in der katholischen Kirche. Dort sollte die Weihe stattfinden. Ich beschloss, dieses Milieu näher kennenzulernen, und an meinem ersten freien Tag stieg ich in den Zug (…). Ich ging durch das Seminar in Ecône und sah auch das Gerüst, das für die Bischofsweihe aufgestellt worden war, ich sprach dort mit vielen Menschen und ich betete lange in der dortigen Kapelle darum, die Wahrheit zu erkennen und mir das Verständnis für beide Seiten zu erhalten. Von allen Seiten kamen traditionalistische Äbte und Nonnen im vorkonziliären Habit angereist. Einige von ihnen waren auf den ersten Blick merkwürdige Persönlichkeiten. Es machte auf mich den Eindruck eines Panoptikums, wie eine Szene aus einem historischen Film, manchmal sogar wie aus einer Klinik für Nervenkranke. Die ganze Atmosphäre hatte etwas Sektiererisches an sich, etwas Verkrampftes – es war wahrlich keine »gesunde« geistliche Umgebung. Ich entschied für mich, dass hier wirklich kein Weg lang führte.»
(ufw; Tomáš Halík: All meine Wege sind DIR vertraut. Von der Untergrundkirche ins Labyrinth der Freiheit. Freiburg im Breisgau 2014, 169–175., Zitate 170–172.)
 

9. März 2015 | 00:06
von Konzilsblogteam
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