Konzilsblogteam

«Teuerste Beobachter»

Am Eingang zur Konzilsaula wird vor Beginn der Sitzungen die Gelegenheit zu Kontakten genutzt. So trifft P. Henri de Lubac SJ am 12. November 1962 einige nichtkatholische Beobachter. Der Lutheraner Oscar Cullmann, der wegen seiner Verdienste um die Ökumene von katholischer Seite direkt eingeladen worden war, sagt ihm verschmitzt, dass er, wenn die Redner etwas langweilig seien, wenigstens von einer Lektion in Latein profitieren könne (vgl. Lu 1,258). Lubac erfährt, dass dem Sekretariat für die Einheit eigens zwei Sekretäre beigeordnet worden seien, um den Kontakt mit den Beobachtern zu suchen. Diese halten regelmässig untereinander Zusammenkünfte und treffen sich jeweils am Montag- und Freitagmorgen zum Gebet für das Konzil. Neben den offiziellen Empfängen (zur Papstaudienz, beim Einheitssekretariat und beim Staatssekretariat) sind sie in zahlreichen Gesprächskontexten präsent. So erzählen die Taizé-Brüder Roger Schutz und Max Thurian von einer Konferenz mit Bischöfen des CELAM. Sie berichten, sie hätten sich ein wenig vor dem präsidierenden Kardinal Silva Henriquez gefürchtet – doch dieser habe vor Bewegtheit geweint (vgl. Lu 1,246).Dass die Präsenz der nichtkatholischen Beobachter die Konzilsväter und -theologen bewegt, zeigt sich auch in der Konzilsaula selbst, obwohl die Beobachter dort nicht sprechen dürfen. Einige Konzilsväter richten sich in ihrer Anrede nicht nur an den Vorsitzenden und mit «venerabiles Patres» an die Konzilsväter, sondern auch an die Beobachter: «Carissimi Observatores» («Teuerste Beobachter»: AS 1/2,83; vgl. AS 1/2,301.311). Wenngleich Henri de Lubac, als Bischof Joseph Khoury diese Anrede wählt, um sich herum Achselzucken wahrnimmt (vgl. Lu 1,205), wird andererseits von Applaus berichtet, wenn in der Konzilsaula die anwesenden Beobachter erwähnt werden (vgl. A 2,218). Sogar Ernesto Kardinal Ruffini findet als Vorsitzender gelegentlich freundliche Worte für sie (vgl. AS 1/2,435).(emf)

12. November 2012 | 00:03
von Konzilsblogteam
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