Street Parade
© 2016 Vera Rüttimann
Vera Rüttimann

Techno hat etwas Spirituelles

Die Zürcher Street Parade wurde an diesem Samstag quicklebendige 25 Jahre alt. Noch immer ist sie die grösste Techno-Party der Welt. Der Tanz um das Zürcher Seebecken, der Umzug der Love-Mobils, die treibenden Beats – eine exquisite Mischung. In den letzten beiden Jahrzehnten habe ich staunend verfolgt, wie die House- und Techno-Bewegung das kulturelle Leben Zürichs verändert hat. Sie hat das Freizeitverhalten geprägt und viele Verkrustungen in der einst steifen Bankenstadt aufgebrochen.

Die Street-Parade ist die (anfangs) kleine Schwester der Berliner Love Parade, die leider seit Unglück in Duisburg im Jahr 2010 verblichen ist. Auch an diesem Samstag traf man in Zürich wieder viele Deutsche an. Einige unter ihnen leiden wohl unter einer Art Phantomschmerz. Vor 20 Jahren selbst ein aktiver Raver, kann ich das gut nachvollziehen. Als in Multimedia-Shows auf 25 Jahre Street-Parade zurückgeschaut wurde, erinnerte ich mich an die Anfänge dieser Jugendkultur, die ein globales Phänomen wurde. In Berlin begann es im Jahr 1989, als unter dem Motto «Friede, Freude, Eierkuchen» 150 Club-Gänger über den Berliner Ku’damm zogen. Zu Beginn verstand ich überhaupt nicht, was das sollte. Nach dem Mauerfall eroberten experimentierfreudige junge Leute leer stehende Keller im Ostteil der Stadt und zelebrierten das Besondere, das Andere. Die Häuser waren alle grau im Osten und Berlin noch nicht die pulsierende, internationale Metropole wie heute, also wollte auch ich zum neuen Sound tanzen. Ich verstand ich auch als ein Protest gegen lebensfeindliche Umstände.

Ich war damals mitten drin um die Leute von Dimitri Hegemann, dem Gründer des «Tresor», der zum berühmtesten Club der Welt werden sollte. 1996 sprengte die Love Parade auf der Strasse des 17. Juni rund um die Siegessäule die Millionengrenze. Viel hielt ich damals mit der Kamera fest. Als die Parade immer kommerzieller wurde, liess ich sie zu Hause.

Techno, das ist für viele eine synthetische Musik aus harten Rhythmen. Doch für manche ist es viel mehr als das. «Techno», sagte der Berliner DJ Sven Väth einmal, «hat etwas Spirituelles.» Wenn Ort, Zeit und Raum zusammenpassten, habe ich diese spirituelle Dimension oft auch gespürt. Gerade wenn viele Leute zusammenkommen, findet auf höherer Ebene eine Energieverdichtung statt. Wenn sich die Körper im gleichen Rhythmus zu einem Sound bewegen und man alles andere ausblenden und loslassen kann, kann man tranceartige Zustände erleben. Alles fliesst. Es ist ein Sein-Zustand, der schwer zu beschreiben ist. Techno ist ein sehr Rhythmen-betonter Musikstil und es kommt nicht von Ungefähr, dass es Parallelen gibt mit den Trommelritualen von Naturvölkern, die sich durch Musik und Tanz in Trance versetzen.

Schön in Szene gesetzt ist dieser Zustand im Film «Berlin Calling», der am vergangenen Freitag als Warm-Up zur Street-Parade in «Frau Gerolds Gartenkino» gezeigt wurde. Ein Film über einen DJ, gespielt von Paul Kalkbrenner (im wahren Leben selbst ein Star-DJ), der kurz vor seinem ersten Album-Release und nach einer Überdosis in der Nervenklinik landet – und dann seinen grossen Coup landet. Auch dieses cineastische Denkmal über Berlins aufregendste Techno-Jahre zeigt, dass das Leben mit elektronischer Musik mehr war und ist als bloss ein oberflächlicher Rausch. Auch wenn ich aus der Techno-Szene längst herausgewachsen bin und Trance-Zustände heute woanders finde, freue ich mich, dass mit der Zürcher Street Parade das Erbe der Love Parade weiterlebt. Noch immer kommen Tausende Menschen aus ganz Europa zusammen, um mit Tanz und Musik fröhlich-feiernd für Toleranz und Friede zu werben. Eine wahrlich völkerverbindende Veranstaltung.

Street Parade © 2016 Vera Rüttimann
14. August 2016 | 03:02
von Vera Rüttimann
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