Karin Reinmüller

Tauch-Erfahrungen

Wir haben heute in der Pfarrei wieder gemeinsam Gottesdienst gefeiert, mit einer Predigt, die die Grundlage für diesen Impuls bildet:

«Kopf unter Wasser drücken, ab und zu mal hochlassen zum Luft holen!» So hat mein erster Teamleiter in der Schweiz nach einigen Monaten beschrieben, nach welcher Methode er mich eingearbeitet hat. Ich habe eine Menge gelernt in diesen Monaten, war aber auch manchmal sehr überfordert. Vielleicht haben Sie die vergangenen Monate zeitweise ähnlich erlebt: Eingetaucht in Krisen-Erfahrungen, mit denen die Wenigsten von uns gerechnet hätten. Das passt erstaunlicherweise zu einem Bild, das Paulus in der heutigen Pfingst-Lesung verwendet (im ersten Korintherbrief, Kap. 12, Vers 13): Wir sind alle mit dem Heiligen Geist getränkt. So wie Wolle beim Färben in ein Bad eingetaucht wird und mit einer neuen Farbe getränkt wieder herauskommt, so machen auch wir Tauch-Erfahrungen.

Wir erleben zur Zeit, dass wir viel weniger im Griff haben, als wir meinten. Dass wir verletzlicher sind, als wir denken wollten. Auf sehr unterschiedliche Weise – einige haben Angst, selbst schwer krank zu werden, andere fürchten sich davor, andere anzustecken. Vielleicht haben Sie in diesen Wochen Menschen verloren, die Ihnen lieb waren, und die Sie nicht mehr besuchen konnten. Vielleicht fürchten Sie um Ihren Arbeitsplatz oder haben schon die Kündigung bekommen. Vielleicht machen Ihnen Konflikte im Zusammenleben zu schaffen, das so viel enger war, oder Sie sind einsam geworden in den lange Wochen des Zuhause-Bleibens. Es kann auch sein, dass Sie bis jetzt recht gut durch diese Zeit gekommen sind, oder jedenfalls erleichtert darüber, dass die schwierigste Phase jetzt wohl erst einmal vorbei ist.
Ich gehöre nicht zu den Menschen, die den virenbedingten Ausnahmezustand als «wohltuende Entschleunigung» erlebt haben, ich halte dieses Virus für eine wirklich fiese Entwicklung der Natur. Trotzdem: Es kann sein, dass wir wieder auftauchen, Luft holen – und feststellen, dass wir, wie Paulus schreibt, mit Heiligen Geist getränkt sind. Und zwar jede von uns auf eine andere Weise – je nach Persönlichkeit und Erfahrungen. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass wir uns in diesen Zeiten verändert haben und weiter verändern werden. Wir haben es in der Hand, uns nicht von unseren Ängsten, sondern vom guten Geist Gottes tränken zu lassen.

Als wir noch nicht wussten, dass wir heute gemeinsam Gottesdienst feiern können, haben wir unsere Gemeindemitglieder eingeladen, Tauben aus Papier zu basteln und in unsere Kirche zu bringen. Auch die Taube ist ein Bild für den Heiligen Geist – bei seiner Taufe sieht Jesus den Geist wie eine Taube auf sich herabkommen. Zwei Bilder, mit zwei senkrechten Bewegungen – wir werden eingetaucht in den Geist, er kommt auf uns herab. Diese senkrechte Richtung steht für das Aussergewöhnliche, das nicht Erwartbare. Auch wenn wir auf Berge steigen können, ist unsere Welt die zweidimensionale Ebene. Der Geist Gottes steht, wie Karl Barth gesagt hat, senkrecht dazu, wir können und müssen nicht vorausberechnen, auf welche Weise uns Gott zu Hilfe kommt. Lassen wir uns überraschen.

Bild: unsplash.com
31. Mai 2020 | 17:42
von Karin Reinmüller
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