Heinz Angehrn

Swiss army live – Teil II: Ein Haufen Akademiker

Später, viel später, sollte ich lernen, dass das, was uns da in Losone widerfuhr, nicht die Hölle war, sondern nur in etwa ihr äusserster Vorhof. Denn im Unterschied zu den Gebräuchen und Sitten in einer Infanterie-Rekrutenschule, wo der Durchschnittsrekrut nicht viel mehr wert war als ein Insekt, das man jederzeit auch zertreten könnte, und wo das preussische Herumschreien zu schweren Ohrenschäden führte, im Unterschied auch zur Eliterekrutenschule der Eidgenossenschaft, jener der Grenadiere, zu der gerade damals ein Schulkommandant sagte: «Eine RS ohne Todesfall ist keine richtige RS», war die unsere etwas Ausserordentliches. Nur wusste ich das damals noch nicht, als ich in jungen Jahren den ärgsten Schreck meines Lebens einstecken zu müssen glaubte.
Denn: Eine Sanitäts-Rekrutenschule war ein Betrieb mit über 50 Prozent Akademikern. Viele der Vorgesetzten waren Ärzte, viele der Rekruten waren Medizinstudenten, zwei Drittel der Unteroffiziere (das sind in anderen Schulen die, die sich angepasst und eingeschleimt haben) gingen nach 7 Wochen schon zurück ins Studium. Wenn da die üblen Rahmenbedingungen nicht gewesen wären (eben die erwähnten: Bekleidung, Haarschnitt, sinnlose Rituale, Körperertüchtigung), dann wäre der Anlass auch als gute Weiterbildungsveranstaltung durchgegangen. Denn ich lernte da Verbände anlegen, Behelfsgipse machen, Injizieren und Infusionen Stecken, aber auch noch Konkreteres: Blasen durchstechen, alte Socken Tragen, um keine Blasen mehr zu bekommen etc. Später als Pfadfinder-Präses war ich um vieles sehr froh.
Aber ich wusste nicht, dass wir eigentlich noch den Glücklichen gehörten. Und so war das Elend trotzdem gross.

13. September 2009 | 07:00
von Heinz Angehrn
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