Walter Ludin

Suizid im Alter: Was Hans Küng übersieht

Wenn Betagte freiwillig aus dem Leben scheiden dürfen
Hans Küng hat ein gewaltiges Echo ausgelöst mit seiner Ankündigung, er werde wohl freiwillig aus dem Leben scheiden, wenn er sähe, dass er nur noch ein Schatten seiner selbst werde. Seine theologische Begründung dafür lasse ich hier mal beiseite.
Ich weise auf einen Aspekt hin, den er ausgeblendet hat, da er keine Nachkommen hat: die Gefahr, dass auf Vorfahren mehr oder weniger sanfter Druck ausgeübt wird, sich vom Leben zu verabschieden, um das Erbe zu schonen. Denn Dialoge und Szenarien wie die folgenden sind durchaus denkbar angesichts der Tatsache, dass ein Pflegeplatz bald mal 8000 bis 10 000 Franken im Monat kosten kann, wobei die Verwandten sich daran beteiligen müssen. Ein Erbe droht da zu schmelzen wie Schnee an der Märzensonne:
·        «Mama, du hast ja hier im Heim nichts mehr vom Leben.»
·        «O doch. Ich kann zwar fast nicht mehr gehen, freue mich aber an vielem: am Lesen, an Musik und einer guten Flasche.»
Später: «Hast du erfahren, dass Küng sich überlegt, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, falls es ihm immer schlechter geht? Er ist doch ein gescheiter Mann. Und ein Theologe, der keine Glaubensgründe dagegen kennt.»
Bald findet sich ein Prospekt über Sterbehilfe auf dem Nachttischen der Mama.
Und dann bald mal: «Jetzt kam schon wieder vom Heim eine horrende Rechnung. Das Geld würden wir lieber in die Ausbildung deines Enkels stecken.»
Es geht nicht mehr lange, und die Mama/Oma entscheidet sich …
Ein Horror-Szenarium? Leider nicht ganz unrealistisch! Es braucht doch einiges an Charakterstärke, nicht darauf einzugehen, wenn man sieht, dass das Erbe bald aufgebraucht ist  – oder dass man (was auch schon vorkam) eines der zwei eigenen Häuser verkaufen musste.
Der alte Mensch will seinen Kindern ja nicht vor dem Glück stehen. Und er selber ist auch nicht glücklich, wenn er sieht, dass das Geld, das er während Jahrzehnten mühevoll gespart hat, in einem oder zwei Jahren sich in Nichts auflöst.
Solche Zusammenhänge darf man nicht ausblenden. Auch hier gilt: Das (materielle) Sein beeinflusst das Bewusstsein.       Walter Ludin

23. November 2013 | 01:40
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 1  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!