Skandal in der Heiligen Familie
Wie würden wir uns Jesus gegenüber verhalten?«Das kommt in den besten Familien vor»: Sie alle kennen diese Redensart. Ich bin versucht, sie über das heutige Evangelium zu stellen. Wir hören hier von Konflikten in der Familie Jesu, der Heiligen Familie. Zuerst ist nur ganz allgemein von den Angehörigen, den Verwandten Jesu die Rede. Wir wissen nicht, wer damit gemeint ist. Doch eines fällt auf: Wie diese Leute ihrem Verwandten Jesus Vorwürfe machen: «Er ist von Sinnen», so wird meistens etwas abgehoben übersetzt. Wir dürfen deutlicher werden: «Er spinnt; ist verrückt.»Am Schluss des Evangeliums wird es noch skandalöser: Wer da kommt, ist eindeutig festgelegt: Maria, die Mutter Jesu und wie es im Text heisst «seine Brüder». Im offiziellen katholischen Verständnis sind es, wegen der immerwährenden Jungfräulichkeit Mariens, seine Cousins. Wir wollen Nicht darüber streiten … Eindeutig ist: Seine Familie distanziert sich von Jesu. Sogar Maria scheint ihn in dieser Stunde nicht zu verstehen. Übrigens: Haben Sie schon einmal eine Marienpredigt gehört, in der diese Tatsache nicht unterschlagen wurde?Machen wir einen Sprung über 2000 Jahre. Wir alle, die hier versammelt sind, nennen uns Christen, Anhänger Jesu Christi. Wir sind auf dem Weg der Nachfolge Jesu.Aber seien wir ehrlich: Wenn Jesus heute zu uns käme, würden wir ihn verstehen? «»¢ Wenn er Dämonen austreiben würde, wäre uns da nicht unheimlich zumute?»«¢ Wer er von Gewaltfreiheit spricht, wäre dies nicht für viele ein Angriff auf die Armee?»«¢ Wenn er betont, dass alle Menschen die gleiche Würde haben, Ausländer wie Schweizer, wären wir nicht in unserem Nationalstolz verletzt?»«¢ Wenn mit Hochachtung von Menschen einer anderer Religion spricht (so wie er den Samariter, der als Ketzer galt, als Vorbild hingestellt hat), käme da nicht die Islam-Feindlichkeit vieler ins Wanken?Ja, seien wir ehrlich: Wenn Jesus heute zu uns käme, würden wir ihn verstehen? Wäre er nicht auch für die meisten/für alle von uns/ eine Provokation?Wären wir tatsächlich nicht skandalisiert, wie es seine eigene Familie war?Nun, ich möchte meine kurze Predigt nicht mit einem negativen Grundton aufhören.Wir können dankbar sein, dass der Evangelist die heutige, für die Angehörigen Jesu recht unrühmliche Geschichte erzählt. Wenn nicht einmal die Heilige Familie frei von Konflikten war, müssen wir nicht verzweifeln, wenn es in unsern nicht so ganz heiligen Familien bisweilen Streit gibt. Es ist für alle tröstlich, die kein perfektes Familienleben haben – wer hat die schon. Eben: Das kommt in den besten heiligsten Familien vor.
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