Markus Baumgartner

Singen macht fröhlich und verbindet

Singen ist eine der ältesten Ausdrucksmöglichkeiten des Menschen. In den Kirchen wird bis heute viel gesungen. Singen ist ein wesentlicher Bestandteil jedes Gottesdienstes und ein wichtiges Merkmal der Kirche. Ohne Singen ist die Kirche kaum vorstellbar und nirgendwo in der Gesellschaft wird noch so viel gesungen. Hinzu kommt: Wer regelmässig singt, bleibt länger gesund. Regelmässiges Singen ist so gesund, dass es eigentlich ärztlich verordnet werden sollte.

«Wo man singt, da lass dich ruhig nieder. Böse Menschen kennen keine Lieder», erklärte der 1810 verstorbene deutsche Schriftsteller Johann Gottfried Seume. Singen verbindet. Alle tun etwas miteinander. Jeder ist gefragt. Das Singen in einer grossen Gruppe von Gleichgesinnten kann rasch zu einer fröhlichen Stimmung führen. So sagte Franz von Assisi: «Schon ein ganz kleines Lied kann viel Dunkel erhellen». Gemeinschaft vertreibt so die Traurigkeit oder eine melancholische Stimmung. Auch körperlich sind die Singenden relativ aktiv. So stehen sie zum Beispiel bei den Gospelsongs und klatschen, tanzen und bewegen sich im Rhythmus. Bekannt ist der mehrfache Aufruf in den Psalmen: «Singet dem Herrn ein neues Lied» ist eine Aufforderung, die nicht nur in den bekannten Psalmen 96 und 98 steht. Er ist auch in weiteren Psalmen (33,3 / 40,4 / 144,9 / 149,1) zu lesen.

Singen als Überlebensstrategie

Über die Stimme und insbesondere über die Singstimme kann man den vielen täglich aufgenommenen Eindrücken einen Ausdruck verleihen. «Im Konzentrationslager von Sachsenhausen war Singen eine Überlebensstrategie. Es waren Liederbücher im Umlauf», erklärt Juliane Brauer, Historikerin und Musikwissenschaftlerin zum «Tagesspiegel». «Singen ist eine universelle, biologisch verankerte Fähigkeit des Menschen», betont Stefanie Stadler Elmer, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Zürich. Der bekannte Geiger, Bratschist und Dirigent Yehudi Menuhin sagte deshalb nicht überraschend: «Singen ist die eigentliche Muttersprache des Menschen.» 

Singende leben länger und gesünder

Schon seit einigen Jahren wird Singen im therapeutischen und klinischen Bereich angewandt. Zum Beispiel bei Alzheimer-Patienten, die über ein ihnen bekanntes Lied plötzlich wieder Zugang zu verloren geglaubten Erinnerungen erhalten. Oder Schlaganfall-Patienten, die über den Gesang zum Sprechen zurückfinden. Singen ist auch Vorsorgemedizin, hilft bei der Gesunderhaltung von Körper, Geist und Seele. Das Schönste dabei ist: All das funktioniert beim Singen automatisch. Das richtige Atmen, das befreiende Ausbalancieren und all die positiven Nebenerscheinungen stellen sich von selbst ein. «Leute, die regelmässig singen, sind oft viel länger viel gesünder», sagt Gertraud Berka-Schmid, Professorin an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. 

Kein Wunder plangen viele Kirchen nach dem Lockdown, wieder aus vollen Kehlen singen zu können. Unterstützung erhalten sie von einer Studie der Münchner Bundeswehr-Universität: Das Corona-Infektionsrisiko hält sich beim gemeinsamen Singen und Musizieren stark in Grenzen. Christian Kähler und Rainer Hain vom Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik führten dazu Experimente mit professionellen Sängern und Orchestermusikern aus München und Salzburg durch. Dabei habe sich eindeutig gezeigt, dass die Luft beim Singen nur im Bereich eines halben Meters vor dem Mund in Bewegung versetzt werde, unabhängig von Lautstärke und Tonhöhe. Eine Virusausbreitung über diese Distanz hinaus sei «äusserst unwahrscheinlich».

Quelle unsplash.com
22. Juni 2020 | 14:17
von Markus Baumgartner
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