Sind wir papsttreu oder papalistisch?
Das seltsame Phänomen wurde hier schon öfters angesprochen: Leute, welche die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. sowie die päpstlichen scharf kritisiert haben, stehen plötzlich fast vorbehaltlos zu Papst Franziskus. Und umgekehrt: Leute, die sich lauthals «papsttreu» deklariert haben, sind die schärfsten Gegner des aktuellen Papstes. Dazu nehmen die Kirchenreformerin Martha Heizer und die Kirchenrechtlerin Sabine Demel in einem langen Publik-Forum-Gespräch Stellung:
Martha Heizer: Es ist für uns eine ganz neue Erfahrung, dass auf einmal wir die Papsttreuen sind. Wir mussten uns ja immer zur Wehr setzen gegen den Vorwurf, wir seien nicht papsttreu, wir spalteten die Kirche.
Sabine Demel: Manchmal bin ich irritiert, wie viele jetzt nur auf den Papst schauen und meinen, er allein solle das richten. Wir sind richtig papalistisch geworden. War es unter Benedikt XVI. in vielen Kreisen verpönt, sich auf den Papst zu berufen, so wird jetzt geradezu nach zentralistischen Entscheidungen gerufen. Unter Franziskus scheinen viele Katholiken auf ihre Mündigkeit, auf die sie unter Benedikt XVI. so gepocht haben, gerne zu verzichten. Was das Pontifikat betrifft, so haben mir seine Gesten anfangs sehr imponiert. Aber mittlerweile habe ich Zweifel, ob er echte Reformen will. Es geht mir etwas auf den Wecker, wenn er zwar schöne Worte findet, aber es unterlässt, Reformen in Lehre und Recht in Angriff zu nehmen.
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