Silence – ein gelingendes Leben?
Neulich war ich im Kino, hab «Silence» gesehen, ein Film, der während der Christenverfolgung in Japan im 17. Jahrhundert spielt. Bis jetzt habe ich nur gegensätzliche Reaktionen auf diesen Film erlebt – entweder grosse Begeisterung, oder «Na ja» und Langeweile. Da ich zur ersteren Gruppe gehöre gibts hier was zum Film von mir.
Und erstmal einen Spoiler – wer den Film noch sehen und nicht das Ende vorher wissen will, liest bitte hier nicht weiter.
Mir macht das Ende am meisten zu schaffen: Dass Rodrigues auf das Christusbild tritt und so seinem Glauben öffentlich abschwört, um das Leben seiner Mitmenschen zu retten und ihr Leiden zu beenden – das kann ich verstehen. Erst recht, weil er in diesem Moment zumindest meint, die Stimme Christi zu hören, die ihn dazu auffordert. Er hat schon in den Monaten zuvor immer wieder Elemente aus der Passion Jesu erlebt, in gewisser Weise erfährt er in diesem Moment der Kapitulation seinen geistlichen Tod. Keine Kreuzigung, wie sie seine Mitchristen erleben müssen, er bleibt am Leben. Aber ab diesem Moment ist klar, dass er verloren hat.
Und dann beginnt, was mir zu akzeptieren schwer fällt: Rodrigues erlebt keine Auferstehung nach drei Tagen. Sondern er lebt noch mehrere Jahrzehnte als Gefangener weiter, arbeitet gezwungenermassen gegen das Christentum, muss immer wieder auf Christusbilder treten, was er «bereitwillig» tut. Bis er nach seinem Tod, ein kleines Kreuz in den Händen, nach buddhistischer Sitte verbrannt wird – vielleicht ein Osterfeuer. Aber die Jahrzehnte davor – was ist das für ein Leben?
Mir ist die Vorstellung eines gelingenden Lebens sehr wichtig. Dass sich das nicht in äusserlicher Karriere und Erfolg zeigen muss, ist klar. Aber ich merke, ich denke mir, es sollte eine positive innere Enwicklung geben – hin zu mehr innerer Freiheit, mehr Mut, mehr Glück, mehr Lebendigkeit. Dieses Konzept stellt die Figur von Rodrigues radikal in Frage. Und damit stellt sie mein Gottesbild in Frage: Kann es sein, dass Rodrigues tatsächlich ein Leben geführt hat, wie Christus es wollte? Indem er sein halbes Leben lang Gefangener einer Diktatur war, vor allem: ohne Widerstand zu leisten? Und wenn das nicht sein kann, was hätte er stattdessen tun sollen? Sich widersetzen und damit provozieren, dass das Regime weitere Menschen grausam tötet, wegen ihm? Die Figur ist so auf die Spitze getrieben, dass ihr kein Ausweg bleibt.
Und ich frage mich, wie ich Menschen sehe, die vielleicht heute nicht zu einem «gelingenden Leben» in meinem Sinn in der Lage sind. Die eben nicht «nur» körperlich eingeschränkt sind, sondern die Gefangene einer Sucht sind, oder einer kranken Psyche, die es ihnen unmöglich macht, innerlich zu mehr Freiheit, Mut, Leben zu gelangen – kann ihr Leben ein Gelingendes sein? Und wenn ja, wie kann es das sein? Da wird mich «Silence» noch eine Weile begleiten.
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