Shakespeare in gerechter Sprache, sprich Form !
«The merchant of Venice» in St.Gallen
Es kann und darf keine Übersetzungen der Klassiker oder auch der Bibel «in gerechter Sprache» geben. Denn sie werden dem Originaltext nicht «gerecht», wenn sie ideologisierend eingreifen, moralisch entrüstet umformulieren oder still leidend verschleiern oder gar verschweigen. Darum: Was sollen wir mit diesen Texten tun? Nicht mehr lesen, nicht mehr aufführen, als historischen Ballast abtun?
Bei William Shakespeares 1596/97 entstandener «Komödie» stellen sich diese Fragen zu Recht. Der jüdische Geldverleiher Shylock wird in antisemitischer Art als Bösewicht des Stücks, der nach einem Pfund Fleisch aus dem Leib des Kaufmanns Antonio lechzt, weil er diesen nicht mag, dargestellt und in der zentralen Gerichts-Szene des Werks im 4.Akt der Lächerlichkeit preisgegeben. Die drei ihn umgebenden und hereinlegenden Christenpärchen hingegen finden im milden Mondschein des Schlussakts zueinander. Soll man das aufführen, Geld und Energie investieren, auch wenn Shylock natürlich eine unglaublich dankbare Theater-Rolle ist?
Nun: Das Theater St.Gallen engagierte den jüdischen Schriftsteller und Autor Joshua Sobol für dieses grosse Wagnis. Jemand anderer als ein/e Jude/Jüdin darf das wohl auch nicht tun. Und Sobol begeisterte und faszinierte uns! Er liess den Originaltext Originaltext sein, ideologisierte ihn nicht um. Er inszenierte anders der Flegel Schwarz in seinem Willi-Tell-Verschnitt mit Respekt vor dem Klassiker. Aber er stellte zu Recht Fragen an das Stück, die er mit Bravour in seiner Inszenierung auch beantworten konnte, wenn er uns auch bös desillusionierte und Shakespeares Stück zum Ende fast unerträglich machte.
Nicht nur Juden, auch weitere ethnische Minderheiten wie etwa Schwule wurden in vom Faschismus geprägten Perioden verfolgt. Geschlechterrollen waren religiös und ideologisch fix definiert und vorgegeben. Unzählige Menschen litten, verstellten, verkrümmten sich. Sobol stellt das Italien Mussolinis dem Leiden dieser gebrandmarkten Menschen gegenüber (das Stück spielt im Venedig des Jahres 1938, Jazz- und Bigbandklänge ertönen, und der Duce produziert sich vor seinem Volk). Das faschistische Gebrüll, das machistische Auftreten der Schwarzhemden, die Respektlosigkeit vor Recht und Gerechtigkeit, sie waren streckenweise nichts als grässlich. Das Lachen, das gewisse Szenen des Stücks prägen solltet, blieb im Halse stecken, die Schluss-Szene enthielt nicht sanfte Abendstimmung und Versöhnung, sondern Deportation und Brutalität.
Es tat weh, wie die beiden grossen Monologe des Stücks, der über die Tugend der Gnade durch den Transvestiten Portius (von Christian Hettkamp in einer Mischung aus Tuntenhaftigkeit und tiefem Elend genial gespielt – Chapeau!) und der über das süsse Mondlicht durch den naiven Mitläufer Lorenzo in ihrem innersten Kern zerstört wurden durch das Wissen um die Wahrheit der geschichtlichen Abläufe. Herr Sobol machte uns allen mehr als klar, warum das Volk Israel 1947/48 seinen eigenen Rechts-Staat brauchte und ihn heute braucht, da sein Recht von der Mehrheit der Andersdenkenden und –glaubenden nie respektiert wurde.
Grosses Theater wurde geboten, drei Akte lang auch umwerfend komisch, die letzten zwei Akte dann eben tief tragisch. Das ganze Ensemble war im Einsatz und bot Höchstleistungen. Nebst Hettkamp ragte wieder einmal Livio Cecini als der Narr Lanzelot heraus. Seine Sprachfähigkeit, seine unglaubliche körperliche Bühnenpräsenz, die wir auch in «Amadeus» und «Warten auf Godot» erlebten, sie werden uns in der nächsten Saison schmerzlich fehlen. Und Hans Rudolf Spühler als Shylock? Wie spielte er eine der ganz grossen Theaterrollen? «Understated», würde ich sagen, er war der demütige Jude, der weiss, dass er nichts zu sagen hat, kein Recht beanspruchen kann, nur wenigstens seine Tochter retten kann. Kein Bösewicht, kein Psychopath, sehr still, sehr zurückhaltend. Ganz gross! Eine solche Rolle so zu spielen, nicht das Stück zu dominieren.
Das Stück wird nur ganz wenige Male überhaupt gespielt und in der neuen Spielzeit (Wechsel vieler Ensemblemitglieder) nicht aufgenommen. Die Daten: 4.6., 8.6., 19.6. Nur drei Mal noch – what a pity!
Die Rechte sämtlicher Texte sind beim Katholischen Medienzentrum. Jede Weiterverbreitung ist honorarpflichtig. Die Speicherung in elektronischen Datenbanken ist nicht erlaubt.


