Sessionseröffnung
Als guter Patriot verfolge ich seit Jahrzehnten – wenn es zeitlich geht – das Ritual der Eröffnung der Session der Eidgenössischen Räte im Nationalrat. Nur 2003 musste ich auf diese Freude verzichten, da damals Christoph Blocher als Alterspräsident eröffnete, und ich die Eröffnungsrede dieses Herrn als Marter höchsten emotionalen Ausmasses nicht überlebt hätte.
Nun heute konnte ich wieder mithören, -schauen und -erleben. Es war würdig und feierlich. Mir fiel dreierlei auf:
a) Noemi Nadelmann sang – in rot-weissem Divengewande – die Nationalhymne in allen vier Landessprachen. Das war edel, äusserst edel und bereitete mir Freude. Endlich einmal kein Jodeln, sondern Hochkultur (Hochkultur ist ja ein SVP-Schimpfwort gegenüber Gegnern, denen sie geistig unterlegen ist, und denen sie darum so ans Bein tritt).
b) Alterspräsident und Gerade-Noch-Nationalrat Paul Rechsteiner, mein «Kalter Krieger», sprach über die Unterschiede zwischen 1986, als er in den Rat kam, und heute. Und siehe da: Selbst er bemerkte, dass damals noch andere Verhältnisse herrschten. Etwa sei damals die Militärkommission die wichtigste Kommission des Rates gewesen. Ich war äusserst erheitert und fühlte mich ob seiner Rede in der Beurteilung seiner Person bestätigt (er macht übrigens Ronald Reagan für die Finanz-Debakel der neueren Zeit verantwortlich).
c) Und dann kam der Kulturschock totalis. Als jünstes gewähltes Mitglied durfte der 24jährige SP-Mann und Junglehrer Mathias Reynard aus dem Unterwallis sprechen. Anders als Rechsteiner trug er eine Krawatte. Erster Schock! So jung und schon angepasst? Und dann der zweite Schock: Er sprach mit einem Piercing durch seine Augenbraue. Auf der Stelle nahm ich die böse Frage zurück und fühlte mich steinalt.
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