Walter Ludin

Schiefe ...

… römische Sexualmoraldie amerikanische Ordensschwester Margaret A. Farley RSM an der Reihe. Sie hat sich nach römischer Einschätzung in Moralfragen etwas zu weit hinausgelehnt, zum Beispiel mit der Ansicht, dass Masturbation für gewöhnlich «überhaupt keine moralische Frage» aufwerfe. Zudem diagnostiziert die Ordensfrau, dass vor allem viele Frauen «ein großes Gut in der Selbstbefriedigung gefunden haben – vielleicht besonders in der Entdeckung ihrer eigenen Möglichkeit zur Lust -, was viele in ihren normalen geschlechtlichen Beziehungen mit Männern oder Liebhabern nicht erfahren oder wovon sie nichts gewusst haben. In diesem Sinne könnte man sagen, dass Masturbation tatsächlich den Beziehungen eher nützt als sie behindert.»Dem halten die römischen Glaubenswächter gleich einmal eine Generalabsage entgegen: «Tatsache ist, dass sowohl das kirchliche Lehramt in seiner langen und stets gleich bleibenden Überlieferung als auch das sittliche Empfinden der Gläubigen niemals gezögert haben, die Masturbation als eine in sich schwere ordnungswidrige Handlung zu brandmarken, weil der frei gewollte Gebrauch der Geschlechtskraft, aus welchem Motiv er auch immer geschieht, außerhalb der normalen ehelichen Beziehungen seiner Zielsetzung wesentlich widerspricht.»Neben der inhaltlichen Fehleinschätzung (eine «schwere ordnungswidrige Handlung» setzt einen schweren Schaden voraus, der nicht erkennbar ist) muss vor allem die Terminologie «brandmarken» irritieren. Da schimmert doch wieder die Inquisition durch!Immerhin wird dann unter Berufung auf den Weltkatechismus angemerkt, dass es besondere Umstände geben kann, «welche die moralische Schuld vermindern oder sogar auf ein Minimum einschränken können». Aber merke: Im Unterschied zum Tötungsverbot, wo bei der Gebotsverletzung besondere Umstände (wie zum Beispiel Selbstverteidigung) von jeder Schuld freisprechen, muss ins Sachen Sexualität außerhalb der Ehe immer ein bisserl Sünde dabei sein.Dabei hat es in der Erstausgabe des deutschsprachigen «Katechismus der Katholischen Kirche» sogar noch geheißen, dass es Umstände gibt, die «die moralische Schuld vermindern oder sogar aufheben». Das musste aber in den neueren Auflagen (im Sinne von: ein Minimum bleibt immer) korrigiert werden.Dass die offizielle Sexualmoral der katholischen Kirche recht seltsam ist, ist hinlänglich bekannt. Dennoch staunt man, wenn man die folgende Glosse des österreichischen Publizisten Wolfgang Bergmann liest; vor allem seine Statistik des «Weltkatechismus»." …. Damit sind wir mittendrin im zentralen römischen Dilemma. Seit Jahrhunderten ist man nicht bereit, an das Thema «Sexualität außerhalb der Ehe» differenziert heranzugehen. In einer Vulgärtheologie wird alles zunächst als schwere Sünde hingestellt. Ob es beispielsweise tatsächlich um Ehebruch geht oder sich schlicht um nichteheliche Sexualität handelt, da wird kein Unterschied gemacht. Das Beste wäre wohl, im Weltkatechismus das gesamte Kapitel «Verstöße gegen die Keuschheit» neu zu fassen. Denn schon die äußere Form des Abschnitts zeigt ein Zerrbild der Sexualethik: 34 Prozent dieser Passage macht nämlich das Thema Selbstbefriedigung aus, als ob dabei irgendjemand ernstlich zu Schaden käme. Vergewaltigung bringt es hingegen nur auf 16 Prozent, noch abgeschlagen nach Prostitution (21 Prozent) und Pornografie (20 Prozent), bei den restlichen zehn Prozent wird die «Unzucht» Kraut-und-Rüben-mäßig abgehandelt.Entwicklungspsychologische Erkenntnisse, wonach gerade bei Pubertierenden Selbstbefriedigung ein wichtiges Stadium im Reifeprozess darstellt, bleiben völlig ausgeblendet. Dafür fehlen bei der Aufzählung der wirklichen Verfehlungen gravierende Delikte wie Kinderprostitution und Kinderpornografie. Zum Verbrechen der Vergewaltigung von Kindern gibt es immerhin den einen Satz: «Noch schlimmer ist es, wenn Eltern oder Erzieher ihnen anvertraute Kinder vergewaltigen.» Auf die Täter im geistlichen Gewand hat man allerdings vergessen. Vielleicht sollte man hier die Masturbation als Ersatzhandlung ausdrücklich römisch empfehlen …»

12. September 2012 | 01:54
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!