Schenken wir einander An-Sehen. Zu: «Zachäus, steig herab»
Sie alle kennen den Ausdruck und haben ihn bestimmt schon öfters gebraucht: «Herr X. oder Frau Y. ist eine angesehene Person.»
Eine «angesehene Person»: also ein Mensch mit Ansehen. So vertraut uns der Ausdruck ist, wir haben wohl vergessen, woher er kommt. Vielleicht hilft uns die Fernsehwelt weiter: Eine Sendung, die oft angeschaut, gesehen wird, gilt als gut, erfolgreich, interessant.
Ansehen hat also mit Anschauen zu tun. Jemand, mit dem man sich befasst, zu dem man schaut, ja vielleicht sogar zu ihm aufschaut, gilt als wichtige, eben als an-gesehene Person.
Der Zöllner Zachäus, dem wir im heutigen Evangelium begegnen, ist das Gegenteil von all dem: Er gilt als Gauner, «Abzocker», mit dem man nichts zu tun haben will. Er hat kein Ansehen, ja er wird verachtet.
Ein Gedicht drückt dies sehr prägnant aus, auch wenn es nicht von allerhöchster literarischer Qualität ist. Es legt dem Zachäus die folgenden Worte in den Mund:
Man liebt mich nicht und will mich auch nicht sehen sie verachten mich schlicht, keiner will zu mir stehen. Ich bin allein so wie ich bin, allein zu sein macht keinen Sinn.
Doch dieser arme Wicht erlebt etwas, womit er nicht gerechnet hatte. Er war ja nur aus Neugierde auf den Baum gestiegen. Doch plötzlich geschieht es: Jesus nimmt ihn wahr: «Er schaut zu ihm hinauf.» Jesus sieht in ihm offenbar den Menschen, nicht den Verbrecher.
Da passiert, was Eugen Roth es sehr treffend mit zwei Zeilen beschreibt:
Ein Mensch fühlt sich oft wie verwandelt,
sobald man menschlich ihn behandelt.
Wirklich sehr treffend.:Erlauben Sie mir, dazu eine Episode zu erzählen, die ich vor vielen Jahren erlebt habe. Sie zeigt, wie wahr die Worte von Eugen Roth sind.
Als Student machte ich ein Praktikum auf einem Sozialamt. Eines Tages wurde ich zu einem Mann geschickt, der dem Amt schon lange eine bestimmte Summe schuldete. Ich sollte sie einziehen.
Der Mann hatte vor kurzem ein Geschäft eröffnet. Als ich in diesen Laden ging, gab es vorerst ein Donnerwetter über den Staat und seine Angestellten. Ich hörte kommentarlos zu, drehte mich aber bald zu einem Warengestell und schaute es interessiert an. Mein Klient bemerkte es, beendete seine Schimpf-Tiraden und erklärte mir voller Stolz sein Warenangebot. Irgendwann konnte ich seinen Redefluss stoppen und ihn an den Zweck meines Besuches erinnern. Er schritt zur Kasse und nahm den geschuldeten Betrag heraus.
Als ich ins Büro zurückkam, wollte man mir kaum glauben, dass ich erfolgreich war. Offenbar hat man mich hingeschickt, ohne damit zu rechnen, dass ich das Geld bekäme. Man jemand musste wohl von Zeit zu Zeit versuchen, die Forderung einzutreiben.
Ich hatte nicht irgendeinen Trick angewandt, sondern einfach diesen Menschen ernst genommen, mich für ihn und seine Arbeit interessiert.
Ja wirklich:
Ein Mensch fühlt sich oft wie verwandelt,
sobald man menschlich ihn behandelt.
Stans St. Klara, 9.30 Uhr; Pflegeheim Nägeligasse 10.40 Uhr
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