Charles Martig

Requiem für die Fahrenden

Wussten Sie, dass Django Reinhardt ein Requiem komponiert hat, in Erinnerung an die zahlreichen Opfer der Sinti und Roma im 2. Weltkrieg? Und dass der geniale Musiker des «Gypsy Swing» in die Schweiz floh, um der Gestapo zu entkommen? Das erste ist ein realer Fakt, das zweite eine fiktionale Tatsache. Dafür musste ich weit in den Norden reisen, bis an die gelungene Eröffnung des Filmfestivals von Berlin.

Es ist die Faszination für die Musik, die den französischen Film «Django» von Etienne Comar trägt. Zudem ist er ein politisches Statement. Festivaldirektor Dieter Kosslick hat eine gute Wahl getroffen, um die 67. Berlinale am 9. Februar zu eröffnen. Es handelt sich um gehobene Unterhaltung, die nicht überfordert, sondern Empathie für die Opfer weckt.

Im Paris des Jahres 1943 begeistert der Gitarrist und Komponist Django Reinhardt mit seinem «Gypsy Swing» das Publikum. Die Tonalität dieser Musik ist voller Lebenslust und Witz. Während viele Sinti unter der deutschen Besatzung aus rassistischen Motiven verfolgt werden, wiegt sich Django in Sicherheit. Aufgrund seiner Popularität fühlt er sich unantastbar. Bis die NS-Propagande ihn instrumentalisiert und eine Deutschlandtournee organisiert. Er soll der US-amerikanischen «Negermusik» Paroli bieten und die Offizierskader der Wehrmacht unterhalten. Doch Django weigert sich und flieht zusammen mit seiner schwangeren Frau und seiner Mutter an den Genfersee. In Thonon-les-Bains trifft er auf Familienmitglieder in Wohnwagen, die ebenfalls auf der Flucht sind.

Mit dem programmatischen Titel «Django» stellt Etienne Comar den Musiker in den Mittelpunkt. Er macht einen Weg, der schmerzhaft ist. «Ich bin doch nur Musiker» , sagt er in den ersten Szenen des Films und interessiert sich nicht für Krieg und Propaganda. Sein Leidensweg führt ihn zu einer tieferen Einsicht, die zu seinem Requiem für die Zigeuner führt. Der Schaffensprozess für dieses Werk und die Aufführung am des Films Schluss ist sehenswert, berührend und überzeugend.

In der Schweiz war Django Reinhardt während des Weltkrieges nie. Er wurde an der Schweizer Grenze zurückgewiesen und verbrachte die Kriegsjahre in Paris im Untergrund. Das Requiem hat er wirklich geschrieben.

Vom 9.bis 19. Februar 2017 bin ich an der Berlinale als Präsident der Ökumenischen Jury. In loser Folge schreibe ich in meinem Blog über Eindrücke und Highlights. Ich gebe keinen Einblick in die Diskussionen der Jury, sondern vermittle meine persönlichen Eindrücke.

Programm und Hintergrund zu den Filmen gibt es auf berlinale.de.
Weitere Infos zur Juryarbeit: inter-film.org.

«Django» von Etienne Comar im Wettbewerb der Berlinale 2017 © Roger Arpajou
10. Februar 2017 | 10:10
von Charles Martig
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