Sibylle Hardegger

Religionsunterricht in Finnland

Erstaunliches habe ich heute bezüglich Religionsunterricht in Finnland erfahren. Jeder Schüler und jede Schülerin hat ein Recht darauf in seiner/ihrer Religion beziehungsweise Konfession unterrichtet zu werden. Das heisst, an den staatlichen Schulen ist in allen 12 Schuljahren der Religionsunterricht festverankert. Dieser wird erteilt durch Beauftragte der diversen Kirchen oder Religionen und finanziert vom Staat. Auch islamischer Religionsunterricht wird erteilt.Ich frage Marko, meine Kontaktperson in Finnland, wie viele Schüler und Schülerinnen er in den einzelnen Unterrichtsstunden hat. Es sind Gruppen zwischen 4 und 9 Schüler, die bei ihm den katholischen Religionsunterricht besuchen. Das Fach Religion wird behandelt wie die anderen Fächer auch. Das heisst, es werden auch Noten gegeben. Im Schnitt wird eine Wochenlektion Religionsunterricht erteilt. Ich erzähle wie es bei uns manchmal schwierig, ja fast aussichtslos ist, den Religionsunterricht an der Schule halten zu können. Hier in Finnland zählt das Fach Religion wie alle anderen Fächer. Diejenigen Schüler, die keiner Religion angehören, besuchen einen allgemeinen Ethikkurs. Ich frage Marko, ob dieser Kurs auch für Katholiken oder Evangelische offen stehe. Nein, der ist nur für die, die keiner Religion angehören. Alle anderen besuchen den Religionsunterricht ihrer Kirche bzw. Religion. Ob der Staat bei der Anstellung der Religionslehrer ein Mitspracherecht hat, will ich wissen. Ja. Die Kirchen bzw. Religionen schlagen dem Staat die Lehrpersonen vor, aber letztlich ist es der Staat der anstellt. Ich bin sehr überrascht über diese Praxis. Ich hätte viel eher gedacht, dass der Religionsunterricht in der Schule nichts zu suchen hat – wie es etwa in Schweden praktiziert wird.
Am Abend darf ich bei der Feier der Erwachsenenfirmung in der Kathedrale dabei sein. Bischof Teemu Sippo firmt vier Erwachsene und nimmt einen orthodoxen Mitchristen in die römisch-katholische Kirche auf. Dem orthodoxen Kandidat wird natürlich die Firmung nicht gespendet, da er sie bei der Taufe bereits empfangen hat.
Nach dem Gottesdienst nimmt sich der Bischof Zeit für ein Gespräch mit mir.Wir sprechen über das Praktikantenprojekt und die Studienreise nach Finnland im nächsten Jahr. Genau dann, wenn ich mit der Gruppe nach FInnland komme, wird das Wallfahrtsfest für den Heiligen Henrik in Kölyio gefeiert. Marko hat mir ja schon in den höchsten Tönen davon gesungen. Der Bischof wiegelt herunter und sagt, das sei nur eine gaaaannz kleine Wallfahrt. Marko widerspricht und sagt: Herr Bischof, das ist eine grosse und grossartige Sache. Wegen St. Henrik sind wir katholisch! Der Bischof meint: Ja, aber der Ort ist so klein und es gibt nicht viel zu sehen….und meistens regnet es am Wallfahrtssonntag! Und Marko hält wieder dagegen: Herr Bischof, die Insel mit dem Grab Henriks ist wunderbar! Ich bin ja echt mal gespannt, was mich im nächsten Jahr in Kölyio wirklich erwartet. Und beim Abendessen sagt mir Marko: Glaube nicht dem Bischof! Die Wallfahrt ist einzigartig. Er ist wirklich Feuer und Flamme für diese Wallfahrt.

2. November 2011 | 21:47
von Sibylle Hardegger
Lesezeit : ca. 2  Min.
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