Thomas Boutellier

Religion Nr. 1 ?

Die Vorbereitung aufs neue Schuljahr ist für Religionslehrer und Religionslehrerinnen auch immer ein Zurückschauen.

Dieses Jahr bleibt mir ein Satz besonders in Erinnerung, der lebhafte Diskussionen ausgelöst hat.
In der 5. Klasse haben wir das Judentum behandelt: Synagoge, Kippa, Feste etc. Dann kamen wir auf den Sabbat und die Sabbatgebote zu sprechen. Doch kann eine Wissensvermittlung zum Sabbat dann nicht zu Stande. Als wir die Sabbatgebote angeschaut haben, sagte ein Kind: jetzt kann ich verstehen, warum man die Juden so komisch anschaut, die spinnen doch. Bevor ich darauf reagieren konnte, meinte ein Mädchen, dass es ja auch egal ist, denn ein Schüler aus ihrer Klasse (nicht im Religionsunterricht) sage, dass der Islam die Religion Nummer 1 ist.
Eigentlich habe ich ja nun eine tolle Ausgangslage. Eine Klasse, die gewillt wäre, über Antisemitismus zu sprechen. Aber auch eine Klasse, die sich empört, dass jemand sagt, dass seine Religion die Religion Nr. 1 ist. Nur dass das in den 30 Minuten, die ich noch zur Verfügung habe, nicht behandelbar ist. Und tja, es ist die vorletzte Stunde des Jahres.
Ich habe mich dann entschieden, das unmittelbare Problem anzugehen: Die Religion Nr. 1. Denn die Kinder (Schüler/innen) müssen sich tagtäglich mit diesem Jungen auseinandersetzten. Das Judentum und Antisemitismus sind zwar wichtig ist, aber doch nicht so unmittelbar.
Also: was macht eine Religion Nr.1 aus? Menschenmassen die daran glauben? Dass sie den «richtigen» Glauben hat? Und was ist denn der richtige Glaube? Und wenn der Islam die Religion Nr. 1 ist, was ist dann das Christentum? Und erst recht das gespaltene Christentum (reformiert und katholisch)? Müssten wir nicht dagegenhalten und uns selber als Religion Nr. 1 bezeichnen und das auch durchsetzen?
Einige dieser Fragen haben wir an diesem Nachmittag noch kurz diskutieren können. Zu einer Lösung, wer denn nun Nr. 1 ist, sind wir Gott sei Dank nicht gekommen. Wie sollte man das auch bewerten? Die Antwort, die die Schüler und Schülerinnen sich selber gegeben haben, war dann aber logisch. Religion Nr. 1 ist die eigene. Aber wenn wir die grossen Religionen nebeneinander stellen, dann kann es keine 1, 2, 3 oder 4 geben. Denn immer ist ja Gott im Zentrum, und Gott hilft und ist für einen da, und wahrscheinlich ist es ihm egal, ob man dieser oder jener Religion angehört. Hauptsache, man glaubt.
So weit, so gut. Die Schüler/innen haben es dann noch mit Religion 1a, 1b, 1c versucht. Die Zeit hat leider nicht mehr ausgereicht, um das auch noch zu diskutieren.
Nachdem die Kids gegangen sind, bin ich noch ein wenig vor den Zahlen gestanden. Was vertrete ich nun? Die Religion Nr. 1, das Christentum? Diese Frage geht mir immer noch nach und prägt nun auch die Unterrichtsvorbereitung.
Ist es fundamentalistisch, wenn ich diese Meinung vertreten würde? Aber wenn nicht, was gibt dann dem muslimischen Kind das Recht, das zu behaupten? Muss man da nicht gegenhalten? Oder ist es so wie die Quintessenz der Kinder, dass die eigene Religion Nr. 1 ist und das nicht abwertend ist?
Geben wir den Kindern genug mit auf den Weg, dass sie auf dem Schulhausplatz gegen eine solche Aussage halten können?

Das neue Schuljahr wird neue Antworten bringen.

Weltreligionen | pixabay.com CC0
27. Juli 2017 | 08:39
von Thomas Boutellier
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