Walter Ludin

Regiert tatsächlich der Papst im Vatikan?

Kritische Beobachter des Vatikans sind zunehmend irritiert: Leitet der Papst tatsächlich die Kirche? Oder die alte, von Benedikt XVI. geprägte Crew? Zwei Bespiele, die zu denken geben:
1.     Der neue Bischof von Salzburg:
Papst Franziskus spricht von Mitsprache der Gläubigen und der Bischöfe. Die Kurie machte in diesem Fall das Gegenteil. Sie ignorierte die Vorschläge, die aus Salzburg kamen. Dafür standen auf der Liste, die dem Wahlgremium vorgelegt wurden, zwei äusserst konservative Priester aus andern Diözesen (ihre Wahl wäre wiederum eine Katastrophe geworden …). Zum Glück gabs auf der Liste aber auch einen aufgeschlossenen Franziskaner. So kam die Sache gut heraus. Doch dazu die Salzburger Nachrichten:
«Das (die willkürliche Liste) hat mit einem Schlag alle Hoffnungen zerstört, dass mit dem neuen Papst alles anders werde. Nichts da von mehr Mitsprache der betroffenen Diözese, nichts von mehr Gehör für die Basis. Überall nur die bange Frage: Wie kann das sein?»
2.     Geschiedene Wiederverheiratete
Papst Franziskus spricht von Barmherzigkeit. Doch der Chef der Glaubenskongregation weist mit harschen Worten das Schreiben aus Freiburg i. Br. zurück, das genau dies vorschlägt. (Ich habs hier im Blog kommentiert…). Aufgrund dieses Vorfalls und anderer Signale und Entscheidungen aus Rom heisst es in «Christ und Welt»:
«Zwischen Papst und Basis, in der mittleren Ebene, herrschen Chaos und Angst. Prälaten und Kardinäle im Vatikan trachten, ihre eigene Haut zu retten. Höhere Würdenträger in Deutschland und Österreich fragen sich besorgt, was tun, wenn es dieser Papst wirklich ernst meint?! Zum Beispiel mit der «armen Kirche» oder gar mit der konkreten, breiten Mitsprache der Basis.
Müller attestierte Franziskus in einem Interview «pastorale Neigungen». Es klang wie eine Diagnose, als leide der oberste Pastor an schwerem Dogmen-Mangel. Der Papst hat das Freiburger Papier nicht gelobt, aber auch nicht verboten. So viel Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen kann belebend wirken. Sie kann aber auch nervös machen. Loslegen und ausprobieren, was passiert, das war in der katholischen Hierarchie nicht vorgesehen. Manche deutsche Bischöfe denken wohl: Die spinnen, die Römer. Wem sollen wir gehorchen? Dem neuen Papst? Dem alten? Dem Müller? Dem Gewissen? Wo Gott wohnt, ist wichtig. Wo die Macht in Rom wohnt, noch wichtiger.»

26. November 2013 | 01:16
von Walter Ludin
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