Heinz Angehrn

Raskolnikow

Zwei Wochen Ferien im Ticino, in dem die Magnolien blühten und die Temperaturen tagsüber um die 20 Grad tanzten. Zwei Wochen auch, in denen ich Grossen der Literatur begegnen durfte. Zum Apéro las ich jeden Tag ein Kapitel aus «Narziss und Goldmund» vor, und in meiner persönlichen Lektüre stehe ich etwa auf Seite 400 von Swetlana Geiers Neuübersetzung von «Schuld und Sühne», nun unter dem Titel «Verbrechen und Strafe».
Narziss und Goldmund wieder einmal zu begegnen, dieser fleischgewordenen Polarität des Strebens des menschlichen Geistes, das war einfach schön und literarisch-ästhetischer Genuss. Reflexionen zu Hermann Hesse auch noch in den nächsten Tagen hier.
Aber noch sensationeller war meine erste Begegnung mit Rodion Romanowitsch Raskolnikow. Zuerst etwas befremdet ob seiner vielen geistigen Absenzen, lernte ich in ihm einen Menschen kennen, mit dem ich mehr als die Hälfte der grundlegenden philosophisch-ethischen Maximen teile. Ich nehme an, dass Sie empört sind, liebe/r Leser/in. Nun, ich werde nicht mit dem Hackebeil durch meine Pfarrei streifen und die Weltordnung wiederherstellen. Das ist mir zu blutig und zu riskant. Aber ich verstehe ihn, seine Wut und sein Misanthropentum, das kenne ich gut. Und Herrn Dostojewski mit seiner moralisierenden Lösung der Geschichte, dem misstraue ich sehr. Mehr auch hier noch dazu.

5. März 2012 | 14:53
von Heinz Angehrn
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