Am 15. Oktober 1963 bahnt sich eine der fundamentalsten Richtungsentscheidungen des Konzils an. Die Diskussionen in der Aula zum Thema Diakonat und Kollegialität zeigen – wie in den vergangenen Tagen gesehen – ein höchst spannungsgeladenes Bild. Die Frage stellt sich für die Moderatoren: Was ist die Tendenz in der Aula? Suenens wie eine Reihe von anderen Konzilsvätern sprechen von der Möglichkeit, ein Meinungsbild zu erstellen. Nur so wüssten die Kommissionen, in welche Richtung sie weiter zu arbeiten hätten. Am 10. Oktober findet ein Treffen der Moderatoren mit dem Papst statt mit einem Bericht über den Stand der Konzilsdiskussionen. Am 12. Oktober, einem Samstag, fährt Dossetti über das Wochenende nach Bologna und redigiert eine Liste mit fünf Fragen, die den Konzilsvätern vorgelegt werden sollen. Am Abend schickt er den Entwurf dann Colombo zu, dem Mailänder Dogmatiker, der Paul VI. in theologischen Fragen berät. Bereits am 13. kommt die leicht korrigierte Antwort von Colombo zurück. Die Moderatoren beschliessen, die Fragen den Konzilsvätern vorzulegen und beauftragen den Sekretär des Konzils, Monsignore Felici, die Abstimmungsformulare drucken zu lassen. Am 15. Oktober wird das Ende der Debatte über die Constitutio hierarchica des ekklesiologischen Schemas beschlossen, nachdem Siri, Wyszyński, Jubany und Brown nochmals scharf gegen Kollegialität und Diakonat Stellung genommen hatten. Von den Moderatoren wird verkündet, dass am 16. Oktober über das Meinungsbild abgestimmt werden soll, erst danach solle schrittweise über das gesamte vorgelegte Kapitel abgestimmt werden.
Mit diesem Meinungsbild wären die Kommissionen, die jeweils unter der Leitung von Kurienkardinälen standen, strikt dem Willen des Konzils untergeordnet worden. Felici hält hingegen an der Kontrolle des Konzils durch den Papst und die Kurie fest. Er informiert am 15. abends offenbar den Kardinalstaatssekretär Cigognani, der von der unmittelbar angesagten Abstimmung über ein Meinungsbild nicht genau informiert worden war, und erwirkt eine Suspension der Abstimmung. Telefonisch veranlasst der Kardinalstaatssekretär die Vernichtung der gedruckten Formulare. Am Morgen erscheint in der Zeitung «Avvenire d’Italia» in der Schlagzeile die Ankündigung des Votums über die Kollegialität und den Diakonat. Die Moderatoren wie die Konzilsväter erfahren lediglich das Faktum der Suspension der Abstimmung «sine die», d. h. ohne eine neue Terminangabe für die Erstellung des Meinungsbildes. Die Folge: Es werden die nächsten Tagungspunkte aufgerufen und die Arbeit nimmt ihren Fortgang. Mit dieser Entscheidung beginnt einer der Detektivromane des Konzils, der sich bis zum Ende des Monats Oktober hinzieht, an dem dieses Meinungsbild schliesslich erstellt wird. Was jetzt beginnt, ist das eigentliche Spiel hinter den Kulissen, über das am 30. Oktober berichtet werden soll.
(Peter Hünermann)
Konzilsblogteam
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