Neoliberalismus gegen Beziehungen und Familie

Der Druck auf unsere Beziehungen, auf Freunde, Verwandte und Kinder wächst. Bildungs- oder Familienpolitik ist wesentlich Wirtschaftspolitik geworden. Emanzipation, Geschlechtergerichtigkeit? Schaut man genauer hin, geht es gar nicht um die Würde von Frauen und Männern, sondern um die Beseitigung aller Hindernisse auf dem Weg der allgemeinen Ökonomisierung. Bewusst oder unbewusst verkauft sich auch die Frauenbewegung längst an die Wirtschaft. Es geht nur noch darum, dass Frauen ihre Abhängigkeit vom Mann überwinden, ihre «Wettbewerbsnachteile» aufgrund der Mutterschaft, um sich mit Arbeitsleistung zu «befreien». Deswegen Krippenplätze, Quotenregelungen und für den Notfall eine professionelle Abtreibung. Und wenn im Alter die Leistung nicht mehr stimmt, eine professionelle chemische Mitleidstötung (verkauft als Autonomie des Sterbewilligen). Dass diese Politik nicht zuerst nach dem Gedeihen unserer Beziehungen, unserer Kinder oder der Familie fragt, ist ein Skandal. Den wir aber nicht mehr gross empfinden, weil wir daran gewöhnt sind, uns im Gefühl der Verwirklichung selbst auszubeuten.

Freie Märkte und Wettbewerb sind eine gute, für den Wohlstand grundlegende Sache, doch gehört zu einer liberalen Gesellschaft auch die Freiheit der Familie, nicht ihr ganzes Leben unter den Primat der Ökonomie stellen zu müssen. Sondern Familie als Ort der Entschleunigung erfahren zu dürfen, als Ort unverzweckter Beziehungen. Wir alle brauchen eine zwischenmenschliche Heimat, die nicht einfach dem Staat und der Wirtschaft dient – und die es nicht erlaubt, dass sich politische Kräfte ins Kinderzimmer einmischen oder in die Frage, wie die Lebenspartner sich erwerbsmässig organisieren.

Vielleicht erinnern sich manche daran, dass fast alle totalitären Bewegungen der Vergangenheit sich gegen die Familie gewandt haben, das heisst: gegen eine unverfügbare Einheit aus familiären Beziehungen. Theodor Adorno, der bekannte Philosoph, schrieb zu Beginn des 20. Jahrhunderts: «Die Ehe ist die letzte Form der Subversion im Zeitalter des Warentausches.» Diese Subversion existiert nicht mehr, dank der Hilfe von fast allen etablierten Parteien und Medien. Die Familie ist Gegenstand verschiedener Programme der Umerziehung, der Relativierung und Humanverwertung. Der Krippenplatz-Feminismus ist letztlich nur Ausdruck dieses gesellschaftlichen Mainstreams. Wir sagen «Vielfalt» und «Freiheit», bewegen uns damit aber nur in Richtung Austauschbarkeit und Wettbewerb. Das Leben als Fitnesscenter. Dazu gehört der Erwerbszwang für beide Elternteile, weil das den Unternehmen und dem Staat dient, der möglichst viel Einkommenssteuer kassieren will, auch von den Fachkräften, welche die Kinder der befreiten Karriere-Mama betreuen.

Wohin führt das alles? Wo gibt es noch einen Schutzraum, in dem der Mensch  sein darf, wie er ist, geliebt von der Empfängnis bis zum Tod? An der Weltbischofssynode 2015 hatte Papst Franziskus betont, Ehe und Familie seien eine göttliche Berufung, nicht irgendeine kulturelle oder wirtschaftspolitische Verfügungsmasse. Genau dieses Bewusstsein über die hohe Bedeutung und Eigenwürde der Familie braucht es heute dringend.

Giuseppe Gracia

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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